Sommer 2026

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Abschied von Alice

Der Sprung

Der Graben ist breiter als sie. Das sieht man von weitem. 

Die Jungs stehen schon am Ufer, die Stöcke lang wie Bohnenstangen. Niemand fragt Lies, ob sie mitmacht. Sie ist einfach da. Kurze blonde Haare, Rock, der beim Laufen um die Knie schlägt. Strümpfe, mit einem Knopf am Leibchen befestigt – Strumpfhosen gibt es noch nicht, 1935, in Egmond, wo der Wind nach Meer schmeckt und Möwen lärmen.

Der erste Junge nimmt Anlauf, setzt den Stock, schwingt sich über das Wasser. Landung, klatschend, lachend.

Lies wartet nicht. Greift den Stock, läuft – Rock, Strümpfe, alles fliegt – setzt an, springt. Sie kommt drüben an.
Ein Knie schlägt auf, der Strumpf reißt.

Egal. Sie dreht sich um. Springt zurück. Diesmal steht sie sauber. Lacht. Läuft weiter zu den Jungs.

Alice ist immer gesprungen.

Nach Belgien. In den Lehrberuf. Nach Amsterdam. Ins Rheinland – in ein Leben voller Überraschungen, das sie zu ihrem machte. Auf dem Tennisplatz. Auf den Skiern. In die Berge. Im Garten. Mit einem Glas Wein in der Hand.

Silke hat sie früh springen lassen – mit einem einzigen Satz:

»Du hast jetzt dein eigenes Leben!«

Kein Klammern, kein Zurückhalten. Einfach: dein Leben.

Einen Sprung haben wir zusammen gemacht.

2021

Wir fuhren in ihrem Auto von Viersen ins Allgäu  – Ulf voraus mit dem Laster und ihren wenigen Sachen. Sie konnte sich gut trennen, besonders von Eiche rustikal. Endlich angekommen, hielt sie inne, und legte mir den Autoschlüssel in die Hand.

Sie sagte: »Ich fahr nicht mehr.«

Nicht: ich kann nicht mehr. Sondern: ich fahr nicht mehr. 
Aktiv. Klar.

Mittags 12:45 Hoefelmayr Park

Im Restaurant: Gespräche, verhocken beim Cappuccino und sie mittendrin – nicht als Gast, sondern als sie selbst. Am Anfang 5000 Schritte am Tag, mit den Stöcken zum Denkmal und durch den Park und jeden Tag zum Essen. Dann wieder der Krebs. Der ließ sich nicht überspringen.

Alt werden ist nichts für Feiglinge.

Manchmal war sie  ein wenig ängstlich, wenn das Gedächtnis sie verließ. Aber Jammern stand nie auf dem Programm. Den Rahmen nehmen, der noch da war, und ihn ausfüllen. Jetzt mit dem Rollator – wobei: mit zwei Rollatoren. Einen für drinnen, einen für draußen. Ordnung muss sein.

Und jeden Mittwoch zum Friseur. Ohne Ausnahme.

Am Ende waren es 500 Schritte am Tag. Aber sie ist gegangen. Aufrecht. Bis zuletzt.

Gesund stirbt man nicht, sagte sie. Aber den Pflegefall ans Bett gefesselt, den Sprung hat sie ausgelassen. 

99 Jahre sollten es werden, fast geschafft.
97 Jahre.
112 Tage.
Und 19 Stunden.

Van het concert des levens krijgt niemand een program.

Schon in Egmond, als sie den Stock griff und einfach loslief.
Kein Programm. Anlauf, Sprung – und drüben ankommen.

Alice in Ihrer Küche mit Blumen im Januar 2026

Dag, mam. Je hebt mooi gesprongen.