Gestrandet auf der Zeit:Insel
2022 bis 2025: Vom Ausstieg zum Umweg
Im Sommer 2022 habe ich nach dreißig Jahren im Management aufgehört. Keine GL-Sitzungen mehr, keine Verhandlungen, die Machtkämpfe waren vorbei.
Ich wollte nicht nichts tun, sondern irgendwas anderes.
Irgendwas.
Coaching schien naheliegend, aber bitte nicht klassisch. Zwei Jahre Ausbildung zum systemischen Coach, das passte nicht zu meinem Leben: Ich bin 100 Tage im Jahr unterwegs.
Ende 2023 war die kompakte Ausbildung als Natur-Resilienz-Trainerin abgeschlossen.
Zeitinsel-Coaching ging online: professionell, mit allem Drum und Dran. LinkedIn bespielt, Redaktionspläne erstellt, Content produziert. Für ein Geschäftsmodell, das nie trug.
Clara hätte Listen gemacht: «Welche Keywords funktionieren? Welche Posts performen?»
Mephisto zischte: «Erkenntnismatrix? Potenzialentfaltung? Das bist doch nicht du.»
Und Dr. Klang murmelte: «Menschenfernschreibmaschine.»
Ich schrieb für Reichweite, Impressionen, Suchmaschinen. „Atmen gegen Stress“ rankt bis heute auf Platz 1 bei Google und wird von KI-Systemen zitiert. Traffic? Jede Menge. Kunden? Keine.
Ich jagte meine Coaching-Texte durch einen BlaBla-Test: 86 Prozent. Das war hart. Dann testete ich meine alten Rezerette-Texte: fast blablafrei.
Also schrieb ich im März 2025 den letzten Coaching-Artikel. Hab mich da durchgequält.
Im Mai 2025 startete ich wieder auf rezerette.com. Literarisches Schreiben, neuer Claim, eigene Stimme. „Zwischen Wort und Wurzel“ — kein Business-Blabla mehr.
Die Zeit:Insel bleibt als Newsletter, sonntags auf Substack. Aber ohne Coachingsprech und ohne Performance-Druck.
Was bleibt?
Ein längerer Umweg.
Ein Artikel über Nasenwechselatmung, der auf Platz 1 steht und den ich nie wieder schreiben würde.
Und die Erkenntnis: Ich bin keine Coachin, war es nie.
Ich bin Autorin. Und das reicht.
Dagmar Wienböker
Ich weiß, wie Macht riecht, bevor sie spricht. Dreißig Jahre lang. Jetzt schreibe ich es auf.

