Seriencover Frauen der Macht Porträt #5 Malintzin — himbeerrotes Titelbild mit weiblicher Silhouette im Ornat einer Nonne

Hildegard von Bingen

Die Frau, die Licht sprach

Ein schmaler Raum. Kalter Stein.
Sie hält sich die Schläfen, das Pochen hämmert wie Stahl.
Ein Licht bricht sich hinter den Lidern, zu hell für bloßen Schmerz.
Nicht ich, sagt sie leise. Das Licht spricht.
Der Körper öffnet, was der Verstand verschließt.
Aus Ohnmacht wird Stimme.

Die Zehntgabe

Disibodenberg, 1106. Hildegard ist acht Jahre alt. Ihr Vater bringt sie selbst ins Kloster.

Hildegard schaut dem alten Mann in der braunen Kutte direkt in die Augen.

Der Vater streicht ihr über das Haar. Dreht sich um. Sie schaut ihm nach, bis er um die Ecke biegt.Dann blickt sie die Klostermauern an. Erwartungsvoll.

Die geschlossene Welt

Das Latein kommt zuerst. Schwer, fremd, wie Steine im Mund. Sie lernt es trotzdem. Die Liturgie jeden Morgen. Die Musik trägt sie durch den Tag. Im Garten denkt sie am klarsten. Die Kräuter kennen keine Regel, nur Wachstum.
Nachts, wenn der Kopf schmerzt und das Licht dahinter blitzt, ist die Zelle ihr Schutzraum.
Sie liest unaufhörlich. Sie notiert, was die anderen übersehen. Sie fragt.

Draußen wandelt sich die Welt: Kreuzzüge, Scholastik, Päpste, die Könige absetzen. Drinnen wächst sie.

Skulptur von Hildegard von Bingen, einer bedeutenden mittelalterlichen Mystikerin auf roten Hintergrund

Ariditas

Jutta von Sponheim ist die Magistra. Sie wird ihre Mentorin, fast Freundin. Eine große Schwester, ein wenig streng. Sie fragt, was Hildegard denkt. Gibt ihr Bücher und wartet, was sie daraus macht. Hildegard wächst in die Verantwortung hinein, übernimmt Aufgaben, kümmert sich um den Garten, um die Kranken.

Jutta stirbt 1136. Mit einer Mitschwester wäscht sie den Leichnam. Hildegard zieht das Hemd zurück. Blutreste, blaue Flecken und der Bußgürtel. Frische Narben. Alte Narben. Ein Leben lang hat Jutta sich so kasteit.

Sie steht lange da. Die anderen beten. Sie schaut hin.

Sie wäscht Jutta vorsichtig, zieht ihr ein frisches Hemd an und faltet ihr die Hände. Das Kloster trauert. Die Schwestern wählen sie zur Magistra.
Hildegard nimmt die Wahl an. Und fängt an, Kloster neu zu denken.

Zehn Jahre später gründet sie Rupertsberg. Gegen den Widerstand der Mönche, die ihre Schwestern und deren Mitgift nicht gehen lassen wollen.
Sie geht trotzdem.

Volmar

Er sitzt ihr immer gegenüber. Mit Pergament, Feder, Tinte. Sie diktiert. Er schreibt. In Latein, das ist nicht ihre Denksprache. Das ist die Ordnung. Er ist Mönch, ordiniert, schreibberechtigt. Sie ist Magistra, visionär, offiziell ohne Stimme.
Und so fließen ihre Gedanken zu ihm. Nicht umgekehrt.
Sie sucht das Wort. Lange.

Sie hält inne. Das ist es. Volmar legt die Feder hin. Schaut sie an. Er ist Lateiner. Er sucht das Pendant. Virere – das Sprießen, die Kraft, die treibt.

Das Gegenteil, wissen beide, ist Ariditas. Versiegen. Austrocknen. Beide denken an Jutta.
Das Lateinische trägt die Erlaubnis, es zu denken. Das Deutsche trägt den Gedanken.
Beides braucht sie. Aber das Latein geht in die Welt.

Die Welt in Dingen

Der Garten liegt im Schatten der Klostermauer. Früh, vor der Prim. Hildegard kniet. Nimmt ein Blatt zwischen die Finger, dreht es. Riecht daran. Legt es zurück.
Sie nimmt nichts, was sie nicht kennt.

  • Wermut gegen Melancholie.
  • Lorbeer gegen den Zorn.
  • Schafgarbe für Wunden, die man nicht sieht.
  • Brennnessel für die, bei denen das Blut träge wird.
  • Veilchen für das Gemüt, wenn der Winter geht.

Und sie kennt fast alles. Nicht nur, was hilft. Sondern wie alles zusammenhängt. Das ist keine Heilkunde. Das ist ein Weltbild.

Eine junge Schwester kommt zu ihr. Blass, hohle Augen, die Hände zittern leicht.
Hildegard schaut sie an.

Die Schwester schweigt.

Schweigen.

Sie wischt die Erde von den Knien.

Sie denkt an Jutta. In der Schreibstube wartet das Pergament. Der Gedanke soll nicht verblassen.

Kräuter, Steine, Fische, Metalle, Tiere. Jedes Ding hat eine Kraft. Jede Kraft hat einen Ort im Körper. Jeder Körper hat ein Gleichgewicht, das gehalten oder verloren werden kann.

Viriditas oder Ariditas. Fließen oder Versiegen.
Das ist ihre Medizin. Weder Hexenwerk noch Magie.
Nur: beobachten, was da ist. Aufschreiben, was wirkt.

Physica. Causae et Curae.

Volmar schreibt für sie. Die Bücher gehen unter ihrem Namen in die Welt.

Der Brief

Scivias ist fertig. Kenne die Wege des Herrn. Zehn Jahre Arbeit.
Hildegard schaut, empfängt, schreibt auf, was das lebendige Licht ihr zeigt.
Das ist Mystik.

Die Scholastiker denken sich zu Gott. Argumentieren, beweisen, bauen Systeme aus männlicher Logik und errichten Gedankenkathedralen.

Die Mystik ist ihr Schlupfloch, aber auch ernste Gefahr. Eine Frau, die Gott direkt empfängt, ohne männliche Vermittlung, steht gefährlich nah an Häresie. Sie braucht Legitimation.

Bernhard von Clairvaux ist der mächtigste Theologe seiner Zeit. Heilig, unbeirrbar, gefürchtet.
Sie schreibt ihm:

Ein Mitbruder fragt:

Hildegard liest den Brief. Legt ihn hin. Kein Nein. Sie grinst.

Die Kanzel

1160. Sie ist über sechzig. Predigt nun öffentlich in Trier, Köln, Mainz. Ein Domherr steht danach vor ihr. Rot im Gesicht.

Sie macht einen Schritt auf ihn zu.

Er weicht zurück. Geht. Sie bleibt.

Muster der Ermächtigung

Bei Hildegard gibt es kein Machtvakuum, in das sie fällt. Keine Krise, die sie zwingt. Sie treibt keine Kränkung an.

Sie beobachtet. Sie notiert. Sie systematisiert.
Kräuter, Steine, Fische, Metalle, Tiere.
Sie nennt es Hinschauen.
Andere nennen es später Naturwissenschaft.

Dazu ein Geist, der im Schmerz Licht sieht. Sie entwickelt daraus ein Weltensystem. Eine eigene Philosophie, nah am Leben, der Natur und den Menschen.

Mauern und Regeln.
Eine Kirche, die Frauen schweigen lässt.
Ein Vater, der sie weggibt, lehrt: Du bist auf dich gestellt.
Eine Lehrerin, die sich austrocknet, lehrt: So nicht.
Ein Gott, durch den sie sprechen darf, lehrt: Dann sprich.

Das Kloster nimmt ihr die Mutterschaft, Ehemann, Außenwelt. Und gibt ihr geistige Freiheit.
Was andere Frauen in Kinder gaben, gibt sie in Worte. In Musik.
Nicht weil sie wählt. Weil niemand sie fragt.

Ihre Schöpferkraft fließt. Ungehindert. Nicht so wie bei Jutta.

Sie macht daraus ein Denkmodell. Wer in Visionen Gott zitiert, kann nicht widerlegt werden.
Die Einschränkung wird ein Werkzeug. Grenzen werden zum Hebel.

Was bleibt

Sie stirbt 1179. Einundachtzig Jahre alt. Ungewöhnlich für das Mittelalter.

Was sie hinterlässt: Musik, die heute noch in Konzertsälen gespielt wird. Texte über Heilkraft und Kosmologie. Ein Kloster, das sie gegen jeden Widerstand gebaut hat.

Und Viriditas. Ein Begriff, den keine Übersetzung ganz trifft.
Die Kirche heiligt sie erst 2012. Eine von nur vier Frauen, die je Kirchenlehrerin wurden.
Viriditas durfte in die Welt.
Schöpferkraft blieb in der Zelle.

Aber das Denken, das war ihres.
Heute noch suchen Menschen nach dem Wort dafür.

Manche finden es im Zen.
Manche im Garten.

Das Blatt liegt noch da.​​​​​​​​​​​​​​​​

Quellen & Vertiefung

Primärquellen

Hildegard von Bingen:
Liber scivias, hg. von Adelgundis Führkötter
Physica und Causae et curae  
Briefe – Gesammelte Korrespondenz mit Bernhard von Clairvaux, Bischöfen, Päpsten, Nonnen, Adeligen, z.B. in:  Die Briefe der heiligen Hildegard. Deutsche Übersetzung nach der kritischen Ausgabe (z.B. von Elisabeth Gössmann, Pia Bonhoeffer u. a.).  

Sekundärquellen 

Marie‑Louise von Franz: Hildegard von Bingen – Visionärin und Heilerin
Barbara Newman, Sister of Wisdom: St. Hildegard’s Theology of the Feminine

Migräne und Aura

Sacks, Oliver (1970): Migraine. New York.
Noack, Ursula (1998): „Hildegard von Bingen – eine Migränepatientin?“ in: Müller, Marietta R. (Hg.): Hildegard von Bingen und ihre Zeit.

Bildnachweis
Αστερίσκος, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0
Bronzeskulptur Hildegard von Bingen, Bildhauer Karlheinz Oswald (1998), Abtei St. Hildegard, Eibingen


Dies ist das vierte Porträt aus meiner Reihe Frauen der Macht.

Parallel zum diesem literarischen Porträt erscheint bei Stabenwelt der historische Kontext in Fundamente der Macht: Das Rheinland im Mittelalter. 

Zwei Perspektiven. Ein Thema. 
Ich schreibe die Frau, er die Epoche. 
Stereo. 
Keine Dopplung.

Dagmar Wienböker

Ich weiß, wie Macht riecht, bevor sie spricht. Dreißig Jahre lang. Jetzt schreibe ich es auf.

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