Zwei grüne Tomaten an der Ranke, noch unreif, im Gegenlicht vor Holz und Stab

Glück – Zustand oder Entscheidung

Ich stehe im Garten und starre auf eine Tomate.

Nicht metaphorisch. Wirklich. Die erste des Jahres, noch grün, halb versteckt unter einem Blatt, und ich stehe da wie jemand, der gerade etwas Wichtiges gefunden hat. Dabei ist es eine Tomate.

Ich bin Wirtschaftswissenschaftlerin. Ich habe dreißig Jahre lang Entscheidungen getroffen, die tatsächlich wichtig waren. Und jetzt macht mich eine Tomate glücklich.

Vielleicht fange ich von vorne an.

Wortwurzelgeflüster

Bevor ich frage, was Glück ist, frage ich: Woher kommt das Wort überhaupt?

Das Deutsche ist da wenig hilfreich – es steckt beides in einem einzigen Wort: den günstigen Zufall und das innere Wohlbefinden. One size fits all. Andere Sprachen sind präziser, oder zumindest ehrlicher in ihrer Unschärfe.

Das Englische trennt: luck ist der Zufall, das Lotterielos. Happiness ist etwas Dauerhafteres. Das Wort stammt vom altnordischen happ – schlicht “Zufall”. Aus Zufall wurde mit der Zeit Wohlbefinden.

Und dann die Griechen, die das Glück nicht in Einzelworten, sondern in Konzepten dachten. Eudaimonia – das gelingende Leben. Nicht der Moment. Die Richtung.

Goethe schrieb: „Glück ist Talent für das Schicksal.” Das macht aus dem Zufall eine Kompetenz, ohne den Zufall wegzureden.

Was wir nicht messen können

Bhutan misst sein Bruttonationalglück.

Der World Happiness Report der Vereinten Nationen kommt jährlich zum gleichen Ergebnis: Skandinavien führt. Nicht wegen besonders vieler Glücksmomente, sondern wegen struktureller Verlässlichkeit trotz langer dunkler Winter.

Watzlawick beschrieb, wie gut wir darin sind, uns selbst im Weg zu stehen. Unsere Fixierung auf den Mangel. Wir verjagen manchmal das Glück, weil wir zu genau nachprüfen, ob es auch wirklich da ist.

Mein Credo

Zurück zur Tomate.

Ich glaube nicht an Vorbestimmung. Natürlich ist es glücksfördernder, im 20. Jahrhundert in Westeuropa als Frau geboren zu sein als im Mittelalter in einer leibeigenen Familie – das habe ich mir nicht ausgesucht.

Aber was ich daraus mache, liegt bei mir.

Glück ist für mich kein Zustand, der eintritt. Es ist etwas Handfestes. Glück entsteht aus kleinen und großen Entscheidungen – dem Mut, das eigene Leben tatsächlich zu leben.

Glück kommt nicht vom Zufall. 

Es kommt vom Gelingen.

Und Gelingen ist manchmal einfach eine rote Tomate unter einem Blatt. Unspektakulär. Echt.

Dagmar Wienböker

Was im Garten wächst, landet irgendwann im Glas.
Und was im Glas landet, bekommt einen Text.

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