Steinschriftzug LOVE auf einer Mauer in Lanzarote, umgeben von Kakteen, Meer im Hintergrund.

Was ist das eigentlich – Liebe?

Da standen wir vor dem, was mal ein Steg war. Metallstreben. Keine Planken. Links der Fels, rechts die Schlucht, unten die Breitach.

Mein Mann klettert mit dem Rad auf die Streben, schiebt, balanciert. Zweimal rutscht das Rad ab. Ich halte die Luft an. Dann steht er drüben. Grinst.

«Soll ich dein Rad rübertragen?»

Kein Druck. Kein «Stell dich nicht so an.» Einfach ein Angebot.

Ich nicke.

Vielleicht ist das Liebe. Ich weiß es ehrlich gesagt nicht genau. Und genau deshalb fange ich hier an: mit einer Brücke ohne Planken, ein Mann mit Rad und der Frage, was das eigentlich ist.

Wortwurzelgeflüster

Bevor ich frage, was Liebe ist, frage ich: Woher kommt sie – sprachlich gesehen?

Im Deutschen steckt Liebe in einem alten Kleid: dem althochdeutschen liubi. Es bedeutet gut, angenehm, liebenswert. Sanft, verbindlich, fast höflich. 

Im Englischen: love, über lufu, zurückzuführen auf die indogermanische Wurzel leubh gernhaben, begehren. Da schimmert zum ersten Mal ein Verlangen durch. Nicht nur Nettigkeit.

Aber im Lieben lauert ein lüsterner Schatten: libet «es gelüstet» von dem sich libido ableitet. Das Lateinische ist da ehrlich.

Und dann die Griechen, die der Liebe vier Namen gaben: Eros, der wilde, körperliche Drang. Philia, freundschaftliche Zuneigung, die sich Zeit nimmt. Storge, die ruhige Liebe zwischen Eltern und Kindern. Agape, die selbstlose Liebe, jenseits von Besitz und Begehren.

Ich habe keine Definition. Eher Fragmente.

Manchmal war Liebe für mich Nähe, manchmal Flucht. Manchmal Stille. Ich weiß, wie sie sich anfühlt, wenn sie geht.

Ich habe geliebt, aus Fülle. Und ich habe geliebt, aus Mangel.

Liebe ist nicht das große Drama. Nicht der Knall. Liebe ist, wenn jemand bleibt, wenn es unbequem wird.

Drei Jahrzehnte Wir

Uns gibt es seit über 35 Jahren. Keine Ablenkung. Keine Nebenkriegsschauplätze. Nur wir zwei. Ein Leben lang Gegenüber.

Es ist nicht die große romantische Oper. Es ist eher wie ein Haus, das man gemeinsam baut, immer wieder, bei jedem Wetter. Mal streicht man die Wände neu. Mal knarzt die Treppe. Mal sitzt man einfach schweigend auf dem Sofa, und das ist dann Nähe genug.

Wir sind beide stark. Nicht zwei Hälften, die sich ergänzen, sondern zwei Alpha-Tiere, die beschlossen haben, ihr Revier zu teilen. Ein Chemiker. Eine Wirtschaftswissenschaftlerin. Zwei Blickrichtungen, ein gemeinsamer Horizont.

Mit der Unterordnung tun wir uns schwer. Es gibt Momente, da wünsche ich mir ein weichgespültes Kompliment. Einen warmen Satz ohne logische Grundlage.

Aber was wir haben, ist kein Kitsch. Es ist Substanz. Liebe, die nicht gefallen will, sondern standhält.

Ich schreibe für ihn. Gedichte, ehrlich, kraftvoll, meins. Als ich eines teilte, war er verletzt. Weil es nicht mehr nur ihm gehörte.

Liebe ist auch etwas, das man bewahren will.

Was bleibt

Zurück zur Brücke. Ich bin rübergegangen. Links entlang der Felswand, Rücken zum Abgrund, beide Füße auf dem Stahl. Kein Drama. Nur ich – und klar, ich schaffe das. Die Planken haben gefehlt. Aber ich hatte Halt.

Nicht in der Konstruktion, sondern in dem Menschen, der vorangegangen ist. Und gesagt hat: Wenn du willst, helf ich dir rüber.

Das ist unsere Form der Liebe. Keine großen Worte. Gemeinsames Tun. Nicht Drama. Dauer.

Veröffentlicht im Rahmen einer Blogparade auf Substack

Dagmar Wienböker

Schreibt über das, was bleibt.
Sprache, Leben, die kleinen und großen Fragen dazwischen.

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