Margaret Thatcher – die Krämerstochter
Die Küche ist zu klein für das, was heute Nacht gefeiert wird. Margaret hat die Schürze über das blaue Kostüm gezogen. Die Perlen blitzen im Küchenlicht. Das Steak liegt in der Pfanne. Sie wendet es um. Auf der Anrichte: ein Block mit Zahlen. Nicht Gefallene.
Die Cateringkosten. Pro Kopf.
Denis kommt herein.
»Soll ich den Wein aufmachen?«
»Nein, heute gibt‘s Champagner.«
Er entkorkt die Flasche. Gießt ihr einen Schluck ein.
Draußen Schritte. Stimmen. Die Männer kommen.
Die, die den Krieg gewonnen haben. Sie stoßen an.
Grantham
Der Laden riecht nach Staub und Kaffee. Margaret ist neun. Sie steht hinter der Theke.
Alfred Roberts wiegt Zucker ab. Aufs Gramm genau. Er redet nicht dabei. Kein bisschen wird verschüttet. Wenn der Kunde gegangen ist, dreht er sich um und rechnet:
»Zu viel ist Verlust.
Zu wenig ist Lüge.«
Sie versteht.
Sonntags predigt er. Mittwochs sitzt er im Stadtrat. Donnerstags, um sechs, steht er hinter der Theke, bevor die ersten Kunden kommen. Margaret kommt mit. In den Stadtrat, in die Kirche, zu den Debatten im Rathaus. Die Schwester nie, immer sie allein.
Die Wohnung über dem Laden hat kein Bad. Im Winter friert das Wasser in den Leitungen. Ihre Mutter schweigt dazu und holt Wasser aus der Küche. Kaltes Wasser härtet ab. Margaret schüttelt sich und friert.
Das Labor
Oxford, 1943. Dorothy Hodgkin beugt sich über die Röntgenaufnahme. Margaret steht daneben. Die Aufnahmen hängen an Drähten. Hodgkin zeigt auf eine Stelle, ohne aufzublicken.
»Siehst du das?«
Margaret schaut. Sieht es nicht sofort. Dann doch.
»Ja.«
»Was siehst du?«
Sie beschreibt, was sie sieht. Hodgkin nickt, geht eilig zum nächsten Bild. Penicillin. Kristallstrukturen. Stunden vor dem Mikroskop. Immer wieder: hinschauen, suchen, dann definieren, bis das Ergebnis stimmt.
Ihr Nacken schmerzt. Laborroutine.
Mitternacht. Margaret sitzt alleine in der Bibliothek. Schreibt auf, was sie beobachtet hat. Streicht durch. Schreibt neu. Die Augen fallen ihr fast zu. Legt die Notizen beiseite, schlägt die Times auf, liest den Leitartikel – und ihr Puls schlägt höher.
Die Stimme
Ein Nebenraum im National Theatre. 1975. Der Coach sitzt. Sie steht.
»Nochmal.«
Sie wiederholt den Satz.
»Tiefer. Vom Zwerchfell her.«
Sie versucht es.
»Langsamer. Die letzte Silbe trägt.«
Die Sitzungen gehen über Wochen. Margaret versäumt keinen Termin. Stellt keine Fragen über den Sinn der Übungen, auch wenn ihr Hals sich danach merkwürdig rau anfühlt.
Zu Hause wiederholt sie die Übungen vor dem Spiegel. Denis hört sie durch die Tür. Lächelt.
Irgendwann nimmt jemand ihre Rede auf Band auf. Sie spielt es ab, hält inne. Ihre eigene Stimme ist viel tiefer. Sie regelt die Lautstärke runter, hört nochmal hin und legt das Band zur Seite.
Beim nächsten Auftritt im Unterhaus tritt Margaret an die schmale Box. Sie legt ihr Manuskript ab; ihre Hand ruht kurz auf dem Zwerchfell. Sie atmet ein, sie atmet aus und schaut Harold Wilson in die Augen.
Der Saal wird ruhig.
Schwesternschaft
Margarets erste Kabinettssitzung. Zehn Männer am Tisch. Sie sitzt am Kopfende. Nach der Sitzung wartet eine Journalistin im Flur.
»Prime Minister – was bedeutet das für Frauen in Großbritannien?«
Sie bleibt stehen. Schaut die Frau an.
»Ich habe diese Position nicht erreicht, weil ich Frau bin. Sondern obwohl.«
Der Raum ist kühl trotz Heizung. Die Damen der Frauenverbände sitzen mit geschlossenen Knien, Aktenordner auf dem Schoß. Margaret hört zu, den Stift reglos in der Hand. Die Uhr an der Wand tickt hörbar. Gleich sind die 20 Minuten um. Sie klappt den Ordner vor sich zu, obwohl die Frau noch spricht.
Eisenzeit
April 1982. Kabinettssitzung. Die Admiralität hat gerechnet. Argentinien ist zu weit. Das Risiko hoch, die Versorgung schwierig. Sie lässt jeden ausreden.
»Let’s get on with it.«
Und sie zieht es durch, Mobilisierung, Versorgungsschiffe. 74 Tage Krieg.
Port Stanley fällt am 14. Juni, Argentinien kapituliert und Margaret zählt die Toten leise: 255.

Ein Jahr später in Margarets Büro.
Der Teelöffel rutscht, ein brauner Fleck bleibt auf dem Papier. Sie wischt ihn mit dem Finger fort, ohne hinzusehen, und greift zum Hörer und lässt sich zum National Coal Board durchstellen.
»Prime Minister?«
»Wir haben vor drei Monaten darüber gesprochen.
Jetzt wird es ernst, die Gewerkschaften sind zum Äußersten bereit.
Wir müssen vorbereitet sein.
Let’s get on with it.«
Die Kohlelager sind voll, lange vor dem Streik. Die Polizeigesetze sind geändert. Die Gewerkschaftsrechte eingeschränkt.
Arthur Scargill ruft zum Streik. Ein Jahr lang halten die Bergarbeiter durch. Doch Zeche für Zeche schließt. Die Männer kommen zurück, einer nach dem anderen. Ohne Vertrag. Ohne Geld.
Sie empfängt Scargill nie.
Die Zahlen geben ihr Recht. Die Zechen sind nicht rentabel.
Eine alte Industrie stirbt. Cortonwood, Bilston Glen, Easington.
Die Handtasche
Fontainebleau, Juni 1984. Der Gipfel läuft seit Stunden.
Sie sitzt zusammen mit den anderen Staats- und Regierungschefs. Jemand spricht über Kompromisse.
Sie greift in die Handtasche. Zieht ein Blatt heraus. Legt es auf den Tisch. Zahlen. Britische Zahlen. Was Großbritannien einzahlt. Was es zurückbekommt.
»I want my money back.«
Der Raum ist still. Kohl schaut auf das Blatt. Mitterrand schaut auf Kohl. Sie schaut keinen der beiden an. Sie wartet. Die Verhandlung zieht sich bis in die Nacht. Sie will siebzig Prozent Rabatt. Mitterrand bietet sechzig. Kohl vermittelt. Am frühen Morgen einigt man sich auf sechsundsechzig.
Sie ist einverstanden.
Straßburg, 1989. Später Abend. Das Dinner ist zu Ende. Die Serviette liegt zwischen ihnen. Sie hat gezeichnet. Grenzen. Alte Grenzen. Mitterrand schaut auf die Serviette. Sagt nichts.
»Ein vereintes Deutschland ist zu groß für Europa.«
Er blickt sie direkt an. Ihre Stimme wird kalt.
»Das kann ich nicht akzeptieren.«
Er hebt den Blick. »Mais, Margaret.«
Er faltet die Serviette, steht langsam auf und verabschiedet sich höflich. Sie bleibt.
Hochmut
Sie holt die Akte aus dem roten Koffer und legt sie geschlossen auf den Tisch. Ihre Finger trommeln einmal, kurz. Dann Stille. Sie schlägt die erste Seite auf. Schottland. Die ersten Zahlen aus den Kommunen, Protestbriefe, Widersprüche aus der eigenen Partei.
Sie nennen es Polltax, für Margaret ist es eine Community Charge. Sie hört nicht mehr zu, sie schaut nicht mehr hin.
»Weiter.«
Schottland, April 1989. Der erste Bescheid geht raus. Ein Herzog zahlt dasselbe wie die Putzfrau. Der Fernseher läuft im Nebenzimmer. Am Trafalgar Square brennen die Autos. Polizisten stehen Schulter an Schulter. Sie schaut hin. Schaltet nicht ab.
Heseltine ist schon weg.
Lawson auch.
Aber Geoffrey Howe sitzt nicht mehr still. Er spricht zwanzig Minuten im Unterhaus. Ruhig.
»Es ist, als schicke man seinen Schlagmann ins Feld, nur damit er in dem Moment, in dem die ersten Bälle geworfen werden, feststellt, dass sein Schläger schon vor dem Spiel vom Kapitän zerbrochen wurde.«
Der Saal ist still. Sie sitzt auf der Bank und ihr Gesicht friert ein.
Drei Wochen später. Sie sind im Flur, gleich öffnet sich die Tür der Number 10. Margaret steht im weinroten Kostüm, Denis neben ihr.
»It’s a funny old world. Niemand versteht, was ich getan habe.«
Stille.
»Ich schon.«
»Das reicht nicht.«
»Nein«, sagt er. »Und jetzt ist es Zeit zu gehen.«
Sie treten gemeinsam vor die Türe. Fast zwölf Jahre enden.
»I leave Britain in a better state than it was before.«
Muster der Ermächtigung
Ihr Vater eröffnet ihr Möglichkeiten, die für ein Mädchen aus Grantham nicht selbstverständlich sind. Er ermöglicht ihr die Grammar School, später Oxford, und nimmt sie mit in den Stadtrat, in die Kirche und zu politischen Versammlungen.
Zugleich fordert er Präzision, Fleiß und Pflichterfüllung. Leistung ist kein Ziel, sondern selbstverständlich.
Mit dem Aufstieg aus dem Krämerladen beweist sie sich selbst: Tüchtigkeit, Konsequenz und Härte tragen.
Ihre Furchtlosigkeit kommt aus derselben Richtung.
Wer es als Provinzfrau ins Unterhaus, ins Kabinett und in die Downing Street geschafft hat, kennt keine Angst, kein Versagen.
Denis ist ihr stets nah und teilt ihre Überzeugungen. Er ist ihr engster Vertrauter, aber nie der Advocatus Diaboli.
Ihren Lebensentwurf erhebt sie zum Maßstab für alle anderen, auch für andere Frauen. Nur Leistung, keine Solidarität.
Die Unbeirrtheit ihrer frühen Erfolge macht sie später blind für veränderten Kontext. Derselbe Fleck, den sie vor dem National Coal Board Anruf mit dem Finger fortwischt, ohne hinzusehen, bleibt später auf dem Papier. Sie nimmt ihn nicht wahr.
Das Muster ist ein Aufstieg mit Kipppunkt. Ihre größte Stärke wendet sich am Ende gegen sie.
Die Welt dreht sich, Margaret bleibt stehen.
Was bleibt
Sie stirbt am 8. April 2013, an Demenz, gepflegt von ihrer Tochter. Ob Erschöpfung und Schlafmangel dazu beitrugen, das ist nicht belegt, nur, dass sie Schlaf selbst als Schwäche betrachtete.
Persönliche Anmerkung
Margaret Thatcher ist das erste Porträt einer Frau, die ich selbst erlebt habe. Nicht nur über Archivrecherche, sondern in meiner Erinnerung.
Mein Teenager-Ich hat sie bewundert. Tough, kompromisslos, eine, die zeigte, wo es langgeht.
Ihre Ablehnung gegen Deutschland, gegen Europa, verstand ich nicht. Warum blieben wir für sie die Bösen? Ihre fehlende Solidarität irritierte mich.
Erst beim Schreiben verstehe ich es besser:
Wer sein Glück selbst schmiedet, erwartet das auch von allen anderen.
Almosen sind für sie kein Akt der Solidarität, sondern würdelos.
Zum Nachschlagen und Vertiefen
Primärquellen
Margaret Thatcher: The Downing Street Years (Memoiren, 1993)
Moderne Werke / Biografien
Charles Moore: Margaret Thatcher: The Authorized Biography (3 Bde., 2013–2019)
Film & Dokumentation
Margaret Thatcher – Die eiserne Lady (Dokumentation, 2012, Regie: Alan Byron)
The Iron Lady (Spielfilm, 2011, Regie: Phyllida Lloyd). Eine dramatisierte Fassung mit der wunderbaren Meryl Streep als Margaret.
Hinweise
»I want my money back« ist die populäre Verkürzung des Originalzitats vom Dublin-Gipfel, November 1979: »We are simply asking to have our own money back«.
Die Fontainebleau-Szene 1984 beschreibt die tatsächliche Durchsetzung des »Britenrabatts« nach fünf Jahren Verhandlung.
Dies ist das sechste Porträt aus meiner Reihe Frauen der Macht.
Parallel zum diesem literarischen Porträt erscheint bei Stabenwelt der historische Kontext in Fundamente der Macht: Das vereinigte Königreich der Achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts.
Zwei Perspektiven. Ein Thema.
Ich schreibe die Frau, er die Epoche.
Stereo.
Keine Dopplung.
Dagmar Wienböker – Autorin
Macht riecht, bevor sie spricht. Dreißig Jahre lang habe ich das gelernt. Heute schreibe ich Essays, Miniaturen und die literarische Porträtserie Frauen der Macht.

