Meine Mutter
Die stärkste Frau, die ich kannte
Siebenundneunzig wurde sie und sie war eine Kämpferin. In den 60ern gehörte sie zu den wenigen Müttern, die arbeiten gingen, als Niederländerin im konservativen Rheinland nicht gerade einfach. Eigentlich wollte sie sich um ihre zwei Töchter kümmern. Doch als mein Vater in der Textilkrise seinen Job verlor, stieg sie wieder voll als Lehrerin ein. Eine Zeit lang ernährte sie die Familie allein und bezahlte das Haus ab. Butter gab’s nur sonntags. Nutella nur von Aldi, und das galt damals als arm. Nebenbei betreute sie meine behinderte Schwester. Und blieb trotzdem standhaft.
»Deine Ausbildung ist deine Mitgift«, sagte sie oft. Unabhängigkeit war ihr Glaube. Disziplin, Durchhaltevermögen und die feste Überzeugung, dass finanzielle Eigenständigkeit kein Luxus ist, sondern Überlebenskunst – das war ihre Mitgift an mich.
Am Ende saß sie in einer hellen Wohnung im Seniorenheim, liebevoll eingerichtet. Zum ersten Mal im Leben: kein Budget. Als ich die Möbel aussuchte, sagte sie nur: »Koop maar, dochter, kauf nur!« Eine surreale Szene für die Tochter, die früher jeden Pfennig zweimal umdrehte.
An der Wand hing ihr Leitspruch:
»Van het concert des levens krijgt niemand een program.«
Und sie hat improvisiert. Mit Herz, mit Haltung, mit einem verschmitzten »Waarom niet?« auf den Lippen. Fünf Sprachen hat sie mir mitgegeben, Wissen über Pflanzen und ein unerschütterliches Gefühl für das, was wichtig ist. In jedem Dankjewel höre ich noch heute das Echo einer Frau, die mir gezeigt hat, dass Veränderung kein Feind ist. Sondern eine Befreiung.
»Alt werden ist nichts für Feiglinge«, sagte sie. Und sie lebte diesen Satz. Jeden Tag. Bis zuletzt.
