Meine Mädchenkiefer erzählt eine Adventsgeschichte

Für den Advent 2025 habe ich die Geschichte meiner Mädchenkiefer gesammelt.
24 Tage, 24 Miniaturen über Wurzeln, Schnee, Schnitte und Neuanfänge.
Was Berater gern „Transformation“ nennen, zeigt sich hier still: im Wachstum einer jungen Kiefer, die nichts werden will außer sie selbst.

Geburt im Wald

Illustration einer stilisierten Mädchenkiefer, Text „Tag 1 – Geburt im Wald“

Unter Schnee pocht mein Anfang.
Ich dränge nach oben, will Licht.
Mutter rauscht, Wurzeln halten uns.
„Hab Geduld“, flüstern die Geschwister.
Doch ich brenne nach dem ersten Blick ins Freie.

Herbstschlaf

Die Buche verliert ihr Kleid.
„Ich schlafe nur“, flüstert sie. „Wir sehen uns im Frühjahr.“
Der Wind zerrt.
Schnee deckt uns zu, erdrückend weich.
Ich bleibe wach im Halbschlaf.

Illustration einer stilisierten Mädchenkiefer, Text „Tag 2 – Herbstschlaf“

Erste Jahre

Illustration einer stilisierten Mädchenkiefer, Text „Tag 3 – Erste Jahre“

Ich bin zehn Zentimeter hoch. Zwei Geschwister neben mir.
Ein anderes im Maul des Rehs.
„So schön“, schwärmt es, „so zart.“
Ich zittere, wenn seine Augen durch den Wald schimmern.
Wie lange bin ich noch sicher?

Fremde Stimmen

Der Boden bebt. Zu groß für Rehe, zu laut.
Zwei Wesen stehen über mir.
„Eine Mädchenkiefer“, sagt die helle Stimme.
„Wundervoll für Bonsai.“
Mutter rauscht: „Wachse, Kind.“
Und während der Schnitt mich löst, fällt nicht nur Erde.
Ich löse mich aus allem, was ich kannte, und falle in das Unbekannte.

Illustration einer stilisierten Mädchenkiefer, Text „Tag 4 – Fremde Stimmen".

Der Korb

lIlustration einer stilisierten Mädchenkiefer, Text „Tag 5 – Der Korb“.

Moos unter mir. Schaukeln.
Mutterstimme verstummt.
Neben mir Buche, Ahorn, Wacholder.
„Stillhalten“, zischt der Ahorn.
Doch mein Harz pocht fiebrig.

Neue Welt

Reihen von Schalen, dunkel und glänzend.
Hunderte wie ich. Keiner spricht.
Kein Halt mehr. Nur Glas über uns.
Der Wind weht, wir bleiben stumm.

Illustration einer stilisierten Mädchenkiefer, Text „Tag 6 – Neue Welt“.

Schule des Windes

Illustration einer stilisierten Mädchenkiefer, Text „Tag 7 – Schule Des Windes“

Wurzeln stoßen an Mauern.
Akiko gießt mich, stellt mich neu auf.
„Noch nicht gut genug“, sagt sie.
Der Draht schneidet, meine Rinde trägt Narben.
Ich halte still. Es tut weh.

Formung

Manchmal beuge ich mich, manchmal trotze ich.
Akiko schneidet, lacht, schweigt.

„Asymmetrie ist Schönheit“, raunt sie.

Ich wachse gegen den Draht, vernarbt, verstockt.
Doch auch mein Eigensinn bleibt.

Illustration einer stilisierten Mädchenkiefer, Text „Tag 8 – Formung“

Abschied

Illustration einer stilisierten Mädchenkiefer, Text „Tag 9 – Abschied“

„Europa“, raunen die anderen. „Neue Hände.“
Die Schale ist bereit. Akiko streicht über meine Nadeln.

„Werde schön, auch fern.“

Ihre Stimme bricht.
Alles ist anders.

Container

Dunkel, eng, vibrierend. Metall atmet kalt, Luft riecht nach Öl.

„Wir sterben hier“, wimmert der Wacholder.

Ich halte still, während in mir ein Druck wächst, als müsste ich die Schale sprengen, nur um wieder Wurzeln zu spüren.

Der Lärm bleibt.

Illustration einer stilisierten Mädchenkiefer, Text „Tag 10 – Container“

Deutschland

Illustration einer stilisierten Mädchenkiefer, Text „Tag 11 – Deutschland“

Neue Sprache. Hart, klar.
Neben mir Apfel, Birke, Lärche.

„Hier nennt man es Winter“, sagt der Apfel.

Ich lausche. Ich weiß nicht, ob ich es überstehe.

Fremder Sommer

Sonne brennt, dann fällt kalter Regen.
Ein vertrautes Weiß fällt auch hier:
Aber Schnee im Sommer?

Doch niemand rauscht wie Mutter.

Ich warte, aber worauf?

Illustration einer stilisierten Mädchenkiefer, Text „Tag 12 – Fremder Sommer“

Geburtstag

Illustration einer stilisierten Mädchenkiefer, Text „Tag 13 – Geburtstag“

Halbschlaf. Hände heben meine Schale.
Freundliche Augen, warm.

„Ein Geschenk“, höre ich.

Mein Stamm bebt, als ich in den Jutesack gleite.

Bonsai Kiefer im Januar 2015

Wintergarten

Zwei Tage Ruhe, heller Raum.
Kein Baum, nur Vögel draußen, Schnee, ein paar Gräser.

„Halte durch“, zwitschert einer.

Meine Wurzeln suchen Stimmen, die nicht da sind.

Illustration einer stilisierten Mädchenkiefer, Text „Tag 14 – Wintergarten“

Übergabe

Musik, Stimmen, Hitze.
Die Freundliche reicht mich weiter.

Blaue Augen, nah, voller Glanz.

Sie streicht über meine Nadeln. Ich halte still.
Das könnte Zuhause sein.

Berggarten

Kälte, Wind, Blick auf Berge.
Neben mir Mirabelle, Latsche, Apfel.

„Klein, aber zäh“, murmelt die Latsche.

Ich richte mich auf.
Andere Luft.

Extreme

Hitze brennt, dann stürzt Regen.
Nächte kalt, der Tag reißt mich auf.

„So ist das Gebirge“, knarrt der Apfel.

Risse ziehen Linien in mir.

Ein Freund

Ein neuer Topf neben mir.
Ein Ahorn zieht ein.

„Damit du nicht allein bist“, sagt die Stimme des Mannes.

Der Ahorn nickt. „Wir halten uns.“
Mein Harz fließt ruhiger.

Sommerqual

Wochen ohne ausreichendes Wasser.
Sonne frisst Nadeln, Boden glüht.

„Halte durch“, flüstert der Ahorn.

Ich welke.
Gelb verrät mich.

Urteil

Hände tragen mich zur Gärtnerei.

„Hoffnungslos. Wurzelschaden.“

Die Blauäugige ballt Fäuste.
„Nein.“

In mir brennt Trotz.

Rettung

Zurück im Garten.
Im Halbschatten der Rosen.
Die Blauäugige spricht jeden Tag.

„Halte durch.“

Ich werfe Triebe ab.
Aber ich lebe.

Neue Schale

Frische Erde, mehr Raum.

„Magnesium“, sagt er.
„Liebe“, sagt sie.

Ich spüre beides.

Spuren

Narben zeichnen meine Rinde.
Der Draht hat Linien hinterlassen.
Ich bin kein glatter Baum.
Doch was bleibt, erzählt mich.

Der Keimling

Neben mir bricht ein Trieb aus der Erde.
Grün, neugierig, ungestüm.

„Willkommen“, flüstere ich.

Ich bin nicht allein, wenn das Jahr beginnt.

Es war eine Bonsai-Geschichte.
Und ein Perspektivenwechsel, der wurzelt.
Die beiden Bonsai. Den kleinen Keimling. Es gibt sie wirklich.

Kleiner Sämling zwischen Moos am Fuß eines Bonsai-Stamms
Zwischen Moos und Wurzelwerk: ein winziger Sämling am Bonsai-Fuß

Die botanische Geschichte meiner Mädchenkiefer steht hier.

Dagmar im Profil, entspannt sitzend im Freien – ein nachdenklicher Blick, als würde sie gerade einem Satz beim Wachsen zusehen.

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