Wu Zetian – die Unbeschriebene
Der Reibstein ist kalt. Sie gießt vorsichtig Wasser darauf und reibt die Tusche im Kreis. Langsam kommt die Schwärze.
Der Hauslehrer beobachtet sie.
Sie hebt das Handgelenk an. Der Pinsel steht senkrecht, die Spitze berührt das Papier noch nicht, sie hält den Atem an, die Spitze zittert. Sie setzt an. Der Strich läuft breit aus, die Tusche zieht ins Papier und lässt einen Klecks zurück.
Der Hauslehrer tritt an ihre Seite. »Lass deinen Arm fliegen.«
Sie nimmt ein neues Blatt und hebt den Arm erneut.
Ohne Heimat
Ihr Vater stirbt im Amt und ihre Halbbrüder kommen aus dem Norden. Sie zählen: Ballen Seide, Säcke Reis, das Gesinde. Ihre Mutter, die Hausherrin, sitzt in einem Raum mit zwei fremden Männern, die ihr Hab und Gut aufteilen. Mutter und Wu bekommen den kleinsten Raum.
Morgens steht Wu früh auf, kehrt die Küche, entzündet die Kohlenbecken. Sie serviert den fremden Brüdern den Tee. Ihre Mutter arbeitet im Garten, alle ihre Bücher sind verschwunden.
»So kann das nicht weitergehen. Wir brauchen eine neue Heimat.«
»Aber wo sollen wir denn bloß hin?«
»Wir gehen in den großen Palast zu meiner Freundin.«
Der Beamte kommt aus der großen Stadt. Er hält eine Liste und mustert Wu, winkt eine ältere Dienerin herbei. Mit der geknoteten Schnur gibt sie ihrem Körper Maße: Schulter, Taille, sogar die Füße bekommen eine Zahl. Er schreibt alles auf.
Die Mutter zieht ihr den Kragen zurecht. »Steh gerade. Bald beginnt unsere Reise.«
Im Wagen riecht es nach dem Fett, mit dem die Achsen geschmiert sind. Die wenigen Habseligkeiten sind in einer alten Truhe aus Kampferholz verstaut. Der Reiseproviant liegt im Korb. Zehn Tage werden sie unterwegs sein. Die Räder schlagen gegen die gestampfte Erde, immer im selben Takt, bis Wu einschläft.
An der zweiten Station stehen Pferde, mehr als Wu je gesehen hat. Männer führen sie am Zügel, die Gesichter schmal, die Augen anders geschnitten als die der Knechte zu Hause. Einer trägt das Haar in Zöpfen, den Kragen bunt bestickt, seine Lederweste liegt eng am Körper, wie eine zweite Haut. Sie sprechen eine Sprache, die für Wu fremd klingt: bellende, harte Laute.
»Wer sind diese Pferdemänner?«
Die Mutter schaut nicht hin. »Die Reiter aus dem Westen.«
Am sechsten Tag hält der Wagen vor einem Tempel. Der Hof ist leer, ein Gong hängt reglos an einem Balken. Weihrauch zieht in einer dünnen Linie nach oben und verliert sich. Die Mutter kniet vor dem verwitterten Buddha. Presst die Handflächen zusammen.
Murmelt. »Namo, … Pusa.«
Wu hockt neben ihr. Sie bewegt die Lippen, ohne zu verstehen. Die Mutter steht auf, klopft sich die Erde von den Knien, nimmt sie an der Hand und geht zum Wagen zurück.
Am zehnten Tag stehen sie vor dem Torbogen. Höher als jede Mauer, die Wu kennt. Zwei Wachen stehen unbeweglich in der Sonne, die Speere senkrecht. Die Mutter bleibt stehen. Wu sieht, wie sich ihre Hand kurz zur Faust ballt und sich die Finger wieder lösen. Beide betreten die große Stadt.
Der hintere Palast

Wu ist nun eine von hundertzweiundzwanzig Frauen. Eine Cairen, eine kleine Hofdame im fünften Rang, wie acht andere neben ihr. Über ihr die neun Schönheiten, gefolgt von den neun Anmutigen, darüber die neun Hofdamen, dann die vier fürstlichen Konsortinnen, und ganz oben steht die Huanghou, die Kaisergemahlin. Sie rechnet es einmal durch. Einundachtzig Frauen stehen unter ihr.
Sie zählt Garn, trägt Becken, steht an Wänden und hört, wer angesprochen wird und wer nicht. Der Palast ist groß, am Anfang verläuft sich Wu. Irgendwann kennt sie die Wege, die offiziellen und die verborgenen.
Sie beginnt zwei Listen zu führen. Die erste ist erlaubt: wer welchen Rang trägt, wer befördert wurde, wer aus der Gunst gefallen ist. Jeder darf das wissen, es hängt am Tor der Frauengemächer aus.
Die zweite Liste zeigt sie niemandem.
Wer mit wem spricht, wenn er glaubt, niemand höre zu.
Wessen Wort mehr wiegt als sein Rang.
Wer sich heimlich nachts herausschleicht und erst im Morgengrauen wiederkommt.
Eine der neuen Schönen stiehlt Seide aus dem Vorratshaus. Wu sagt nichts. Sie schreibt Datum und Menge auf die zweite Liste. Im vierten Monat fehlt Seide für ein Staatsbankett. Die Zeremonienmeisterin, die Freundin ihrer Mutter, fragt laut, vor allen. Wu tritt vor und legt das Blatt hin.
Die Zeremonienmeisterin liest. Nickt. Die Schöne wird in die Wäscherei im dritten Hof versetzt.
Wu beginnt, die strengen Männer mit der hohen Stimme zu grüßen. Einer, der Botengänge zum Kaiser besorgt, nimmt ihre Notizen mit, weil sie ihm einmal einen Becher Tee gereicht hat, als er fror.
Im Herbst lässt der Kaiser nach ihr schicken wegen Lücken in der Buchführung. Sie nennt ihm Fehlbestand mit Namen und Datum. Von da an trägt sie ihre Berichte selbst vor, ohne den Umweg über die Zeremonienmeisterin.
Eine Truhe
Zwölf Jahre tragen Zahlen, Namen und Geheimnisse sie durch den hinteren Palast. Die Luft flirrt schon am Morgen, bevor die Sonne über die Mauer kommt. Der Kaiser stirbt. Im hinteren Palast wird ausgewählt, alle Frauen, die einen Sohn geboren haben, dürfen bleiben. Ein paar Tage verabschiedet sich ein Drittel der Damen für immer. Jede nur mit einer Truhe.
Am Klostertor steht eine Nonne mit einem großen Beutel. Ohrringe, ein Spiegel, ein Stück bestickte Seide – alles kommt hinein, wird dem Buddha geweiht, gehört von nun an dem Tempel. Im Innenhof sitzen alle im Unterkleid im Fersensitz. Die Köpfe nach vorne gebeugt. Eine Novizin schneidet die schweren schwarzen Zöpfe ab und verbeugt sich. Dann kommt das Messer. Der Kopf wird leichter und kälter.
Die Zelle misst sieben Schritt. Eine Mala aus hundertacht Perlen hängt an der Wand, für die Gebete, die Wu von ihrer Mutter noch kennt. Der Tag ordnet sich in sieben Rezitationen, von Sonnenaufgang zur letzten Kerze. Die Stimmen der anderen Nonnen fallen ineinander, eine Silbe hinter der nächsten, bis der Raum nur noch aus einem einzigen langen Ton besteht.
In der Schreibstube liegen Pinsel aus. Sie kopiert, was ihr vorgelegt wird, jeden Tag eine Seite. Manche Zeilen fallen in einen Takt, nur Striche ohne Bedeutung.
Eine ältere Nonne tippt auf eine Zeile. »Hier. Ein Zeichen zu viel.«
Wu hat es schon gesehen, bevor der Finger die Stelle berührt. »Verzeiht. Ich habe es bemerkt.«
Die Nonne schaut sie an, länger als nötig. »Woran?«
Wu überlegt kurz. »Der Takt bricht.«
Die Nonne nickt und geht weiter zur nächsten Reihe.
Im Jahr darauf kommt der junge Kaiser, Zhi, zum Todestag seines Vaters. Er steht im Hof, den Rücken zum Tor, die Nonnen in einer Reihe aufgestellt. Sein Blick geht die Reihe entlang und bleibt stehen.
Er winkt den mit der hohen Stimme zu sich.
Zhi flüstert kurz, dann tritt er zu Wu heran. »Du hast meinem Vater zwölf Jahre gedient.«
Wu senkt den Kopf. »Ja, Erhabener.«
»Deine Berichte las ich, lange bevor ich dein Gesicht kannte.«
Sie hebt den Blick.
Im Winter kommt eine Hofdame. Sie sagt, sie komme von der Kaiserin.
»Lass dein Haar wieder wachsen.«
Wu geht zurück in die Zelle und legt die Kutte über die Bank, wie jeden Abend und findet keinen Schlaf.
Die Wiege
Noch bevor die Trauerzeit um seinen Vater vorbei ist, schickt Zhi nach ihr, doch ihr Haar ist noch zu kurz.
Sie ist eine Zhaoyi, der zweite Rang, die höchste der neun Hofdamen. Sie rechnet es wieder durch, wie damals als Cairen. Über ihr stehen nur noch fünf Damen, die vier Konsortinnen und die Kaiserin selbst, unter ihr hundertsechzehn. Die kinderlose Kaiserin empfängt sie freundlich, fast zu freundlich.
Wu lebt nun in zwei Gemächern, die erste Dienerin richtet ihr Haar und kleidet sie ein. Seide statt Leinen. Der hintere Palast ist vertraut und doch neu. Sie bekommt im ersten Jahr einen Sohn. Im zweiten einen zweiten. Im dritten Jahr folgt eine Tochter. Das Mädchen ist zart, schreit selten, es trinkt wenig und schläft viel, auch am Tag.
Die Kaiserin besucht Wus Gemächer in dieser Zeit oft. Sie setzt sich zu den Kindern, ohne zu fragen und bleibt am längsten bei der kleinen Tochter.
Wu wird zur Audienz gerufen. Die Kaiserin ist wieder alleine bei den Kindern. Am Abend ist das Mädchen still. Zu still. Wu hebt die Kleine aus der Wiege. Horcht, wartet auf eine Bewegung. Nichts. Sie schreit nicht.
Sie schickt nach Zhi.
Er kommt, sieht das Kind, fragt die Amme. »Wer war heute hier?«
Die Amme senkt den Kopf. »Die Kaiserin war noch da, als ich in die Küche ging.«
Zhi sagt nichts. Sein Blick geht zur Wiege, zurück zu Wu.
Wu hält das tote Mädchen und legt es zurück. »Sie war die Letzte im Raum.«
Zwei Winter später. Es ist frostig. Sie steht still, als ihr die Dienerinnen die Kaiserinnenrobe anlegen. Dann stecken sie die Nadeln mit den goldenen Blüten, eine nach der anderen, in das schimmernde Haar.
Zwölf, zählt sie mit, ohne die Lippen zu bewegen.
Sie richtet sich auf. Huanghou.
Der Gästehof
Die Dienerin hat die Lampe entzündet und die roten Vorhänge zugezogen. Wu sitzt mit überschlagenen Beinen auf dem flachen Podest, durch den Wandschirm flackert das letzte Sonnenlicht und sie liest die dritte Rolle – notiert, stutzt, rechnet neu. Schnelle Schritte hallen durch den Raum, sie legt den Pinsel quer auf den Jadehalter. Zhi steht vor ihr. Er setzt sich auf die Bank an der Wand, streckt die Beine aus.
»Ich bin müde. Die Gesandten aus dem Osten stimmen dem Vertrag nicht zu.«
Sie dreht sich zu ihm um. »Und ihren Tribut haben sie noch nicht entrichtet. Letztes Jahr kam er vier Monate zu spät. Angeblich war die Ernte schlecht.«
Er beugt sich vor. »Und?«
»Die ganze Gesandtschaft residiert im Gästehof. Wir stellen das Holz, das Öl, den Reis. Seit zwei Monaten.« Sie tippt auf die Zahl am Ende der langen Kolonne. »Das zehrt langsam den Tribut auf.«
Zhi schaut auf die Rollen und runzelt die Stirn. »Und wir versüßen ihnen die Wartezeit.«
Er steht auf, klopft sich das Gewand glatt. »Dann werden die Gesandten sich beeilen müssen. Ich lasse ihnen ausrichten, dass der Gästehof bald gebraucht wird.«
Er wendet sich im Gehen um. »Woher wusstest du das?«
»Die Nichte meiner ersten Dienerin berichtete mir.«
Vier Tage später schicken die Gesandten die Tribute voraus. Zhi kommt in der nächsten Woche mit vier Rollen im Abendlicht.
Wind im Kopf
Die Dienerin trägt keine Lampe.
Sie kniet neben dem Bett und flüstert. »Erhabene. Der Kaiser.«
Wu ist auf dem Gang, bevor sie das Gewand geschlossen hat. In seinen Gemächern brennen alle Lampen. Zhi liegt auf der Seite, die Hände stützen den Kopf. Sein Leibarzt kniet am Fußende, ein zweiter mischt etwas an.
»Es ist der Wind. Er staut sich im Kopf.«
Sie setzt sich zu ihm, legt eine Hand an seine Schläfe und reibt langsam. Er drückt den Kopf gegen ihre Hand.
»Das Licht.« Sie lässt alle Lichter löschen, bis auf zwei.
Gegen Morgen schläft er und sie sitzt noch da, als es hell wird.
Vier Tage später richtet sie sich auf einem Hocker neben dem Bett ein. Der Sekretär steht in der Tür, die Arme voller Papierrollen.
»Leg sie hier hin.«
Zhi hält die Augen geschlossen. Sie beginnt bei den Präfekturen im Norden, weil er danach als Erstes fragt, danach kommt ein Bericht über die Streitereien an der Grenze und dann trägt sie die Bittschriften, die niemand entscheiden muss, vor. Bei der vierten Eingabe hält sie inne. Eine südliche Präfektur meldet dreitausend Haushalte weniger als im Vorjahr. Es gab weder Krieg noch Seuchen. Doch eine Lücke klafft. Am Ende legt sie die Rolle nicht zu den anderen, sondern quer daneben.
»Du ruhst dich aus, wir machen später weiter.«
Am Abend fragt er nach der vierten. Sie hat die Zahlen schon bereit. »Dann lässt du einen Prüfer schicken.«
Wu nickt, ihr Prüfer ist längst auf dem Weg in den Süden.
Hinter dem Vorhang
Zhi sitzt seit einer Stunde im Thronsaal. Der Minister spricht über Getreidespeicher, die dritte Präfektur. Zhi hält sich an der Lehne fest. Auf der Oberlippe steht Schweiß. Er winkt den mit der hohen Stimme heran. Er flüstert ihm zu und er verschwindet leise. Der Minister spricht weiter. Wu betritt den Saal, verbeugt sich vor dem Thron und bleibt neben der Stufe stehen.
Zhi zeigt auf den Minister. »Nochmal. Von vorn.«
Der Minister beginnt von vorn. Wu hört zu, die Hände im Ärmel. Am nächsten Tag bringt der Kanzler es vor: Es sei unschicklich, dass die Kaiserin den Ministern gegenüberstehe.
»Dann hängt etwas dazwischen.«
Zwei Handwerker messen den Abstand zwischen Thron und Wand. Am Morgen darauf bringen sie die Schnüre. Perlen, aufgezogen auf Seide, von der Decke bis zum Boden.
Wu setzt sich zum ersten Mal dahinter. Sie hört die Minister. Die Minister sehen einen Vorhang.
Eine Klage zweier Präfekturen um ein Flussbett liegt auf dem Tisch. Beide beanspruchen dasselbe Land, beide legen Urkunden vor, beide sind echt.
Zhi wendet den Kopf ein wenig zur Seite. Die Perlen klicken. »Die ältere Urkunde gilt. Die jüngere Präfektur zahlt drei Jahre keine Abgaben auf das Land, das sie verliert.«
Der Minister wartet. Zhi winkt: »Weiter.«
Beim nächsten Mal wartet der Minister nicht mehr. Er verbeugt sich in Richtung des Vorhangs. Bald kommen die Schreiber mit zwei Abschriften, eine für den Thron, eine für dahinter. Niemand hat das angeordnet. Der Vorhang hängt und klickt. Wu bleibt.
Mit den Jahren wird Zhi immer schwächer, er erscheint irgendwann nicht mehr im Thronsaal. Wu entscheidet hinter dem Vorhang, sitzt nach den Audienzen an seinem Bett und erzählt ihm leise vom Tag.
Sie fühlt seinen Puls, sein Atem ist schwach, sie lässt nach den Ärzten schicken. Zhi stirbt, Wu entzündet den Weihrauch. Seine Söhne betreten eilig den Raum. Von den vieren leben noch drei, einer verbannt durch ihren Erlass.
Der dritte wird Kaiser – für sechs Wochen. Dann fällt ein Satz beim Essen, den jemand weiterträgt. Sie hört ihn aus zweiter Hand und weiß, dass er reicht. Ein weiterer Erlass.
Der vierte Sohn, Dan, besteigt den Himmelsthron. Bei der ersten Audienz schaut er nach jeder Frage nach hinten.
Beamte und Blut
Wu liest bis spät in die Nacht. Drei Sekretäre schreiben, was sie ihnen diktiert: Erlasse und neue Regeln. Wenn eine Mutter stirbt, trauert man drei Jahre, wie um den Vater. Schreiber tragen es in den Dörfern am Morgen vor. Beim zweiten Mal am Abend ist der Platz voll.
Dann wird der Kasten aufgestellt. Vier Farben, vier Seiten, vier Schlitze. Der Block aus Kupfer steht auf dem Platz vor der Halle.
Osten blau: jeder, der ein Amt will.
Süden rot: jeder, der sich beschweren will.
Westen weiß: jeder, der Unrecht erlitten hat.
Norden schwarz: jeder, der etwas weiß, das sonst niemand wissen soll.
In den Präfekturen wird verlesen: Wer eine Bitte hat, soll in die Hauptstadt reisen, auf Staatskosten. Der Bittende darf von keinem Beamten aufgehalten werden. Wer sich widersetzt, verliert sein Amt.
Ein Mann aus der Provinz legt sein Gesuch in die Ostseite. Monate später sitzt er vor ihr, in einer Prüfung, die Wu selbst abnimmt. Sie sieht die Tinte an seinem kleinen Finger, bevor sie den Text liest. Er besteht.
Am Nordschlitz bildet sich die längste Schlange: Bauern, Fischer, Holzfäller. Wer seine Anzeige durchbringt, wird belohnt.
Wu gründet ein Gericht, das die Anzeigen prüft und Zeugen befragt. Die Richter sind neu, ohne Familie aus altem Adel, und sie kennen die Zahl der Verfahren, die von ihnen erwartet wird.
Vier Jahre später liegt eine Anzeige aus dem Nordschlitz auf ihrem Tisch. Waffen, die vor Jahren an einen Rebellen geliefert worden sind. Angezeigt ist der Mann, der den Kasten entworfen hat. Sie liest die Eingabe wie jede andere und legt sie zur Seite. Das Gericht tagt vier Tage. Man zerteilt ihn auf offener Straße.
Im Frühherbst kommt eine Bittschrift aus der Provinz, dann eine zweite, dann Hunderte. Menschen aus Dörfern, die sie nie betreten hat, verlangen, dass sie den Thron besteigt.
Sie lehnt ab. Zweimal.
Dann liegt ein Brief mit Dans Siegel vor ihr. Er bittet um Rücktritt. Sie liest ihn und nickt.
Ein Beamter legt ihr eine Auswahl neuer Schriftzeichen vor, die für sie entworfen wurden. Sie betrachtet sie der Reihe nach.
Dann bleibt ihr Finger liegen. »Dieses. Sonne und Mond über dem Himmel.«
Aus Wu wird Wu Zhao – das kaiserliche Siegel wird getauscht, der Name der neuen Dynastie Zhou findet Eingang in Register, Akten und Erlasse.
Muster der Ermächtigung
Achtundzwanzig Jahre regiert sie neben ihrem Mann, fünfzehn allein. 705 ist sie einundachtzig und krank. Ihre Gegner lassen den Palast umstellen, isolieren Wu und machen den dritten Sohn wieder zum Kaiser, den sie nach sechs Wochen abgesetzt hatte. Sie stirbt im selben Jahr eines natürlichen Todes.
Bei Wu beginnt es mit der Schrift. Sie ist die Beobachterin, ohne formelle Macht, sie sieht Fehler, erkennt Abweichungen, im Takt, der bricht, in einer Spalte der Buchführung.
Sie analysiert, fälscht nichts. Sie ordnet und priorisiert. Später mit aller Macht ausgestattet, verfeinert sie ihr System mit Eingaben, Prüfungen und einem Kupferkasten mit vier Schlitzen.
Zaudern ist keine Option. Für eine Cairen zwischen hundertzweiundzwanzig Frauen ist Zögern ein Risiko, den Status zu verlieren. Später ist ihr Apparat schneller als jede Prüfung: die Minister warten nicht, die Richter urteilen schnell. Menschen sterben.
Das Muster ist die Beobachtung, die später zur Denunziation wird; und andererseits schafft ihr System eine Durchlässigkeit in der Gesellschaft. Das Volk liebt sie, die Eliten nicht.
Ihr Muster ist ein Raum, den sie ausfüllt, bis er ihre Form hat, bis sie die ganze Kontrolle ausübt.
Wer schreibt, hat Macht
Unter Wu blüht China auf. Die Chronisten zählen lieber die Morde.
Wie viele Tote sie wirklich zu verantworten hat? Unbekannt.
Die grausamen Anekdoten über sie entspringen dem Weltbild des Konfuzianismus, in dem mächtige Frauen nicht denkbar sind.
Moderne Historiker bewerten ihre Herrschaft wie die der anderen Kaiser.
Was bleibt
Am Grab, das sie sich mit Zhi teilt, stehen zwei Stelen. Auf der einen seine Taten, Zeile für Zeile. Auf der anderen: kein Wort.

Warum, das weiß niemand mit Sicherheit.
Ein Urteil der Nachwelt, sagen die einen.
Wahre Größe, die keine Schrift fasst, sagen andere.
Ihre Geschichte beginnt mit einem Schriftzeichen, das sie selbst wählt.
Man nennt sie später Wu Zetian. Die sich nach dem Himmel richtet.
Sie endet mit einem leeren Stein.
Exkurs: Harem und Konkubine
Zwei Wörter stehen in fast jedem deutschen Text über Wu. Beide stammen nicht aus China.
Harem ist arabisch und kommt über die Beschreibungen des Osmanischen Reiches nach Europa. Der chinesische Begriff bedeutet »der hintere Palast«. Das ist eine Ortsangabe: die Gebäude hinter den Audienzhallen, in denen die Frauen des Kaisers lebten, mit Küchen, Vorratshäusern, Werkstätten und einer eigenen Verwaltung.
Konkubine kommt aus dem römischen Recht und bezeichnet die Frau ohne Ehestatus. Es bedeutet »Beischläferin«. Der Begriff ignoriert völlig, was die chinesische Ordnung ausmacht: Cairen, Zhaoyi, die neun Schönheiten, die neun Hofdamen. Das sind Ränge, mit Nummern, Gehältern und Aufstiegswegen, organisiert wie eine Beamtenlaufbahn. Wu steigt vom fünften in den höchsten Rang auf, so wie ein Beamter befördert wird. Da degradiert der Begriff »Konkubine« sie zu einer Frau, die nur aufsteigt, weil sie sich hochgeschlafen hat.
Beide Wörter machen aus einer Verwaltungsstruktur einen Ort des Begehrens. Damit deutet die europäische Übersetzung genauso wie die konfuzianische Erzählung. Zwei Traditionen, die unendlich weit voneinander entfernt sind, kommen zum selben Ergebnis: nicht das Können, sondern Sex zählt.
Deshalb verwende ich die Ränge. Cairen, Zhaoyi, Huanghou. Das ist ehrlicher.
Hinweis zur Rekonstruktion
Bevor ich mit diesem Porträt anfing, hatte ich noch nie von Wu Zetian gehört. Ich ahnte nicht, was für Abgründe sich auftun würden. Es gibt so viele Geschichten über Wu Zetian, die alle dasselbe berichten: eine Frau, die tötet, um aufzusteigen.
Erwürgte Kinder, vergiftete Söhne, Nebenbuhlerinnen in Weinfässern. Die Geschichten erinnern an endlose Netflix-Serien, wo eine mörderische Intrige die nächste jagt.
Alles Jahrhunderte nach ihrem Tod geschrieben. Alles gedeutet und politisch sortiert.
Das ist nicht meine Geschichte über Wu. Nicht, weil sie zu blutig wäre. In diesem Porträt stirbt ein Kind, ein Mann wird auf offener Straße hingerichtet und ein Sohn verschwindet. Mich hat die Chronistenlogik nicht überzeugt: Ehrgeiz als Motiv, Mord als Mittel, ein Plan von Anfang an.
Hätte die Kaiserin sie nicht aus dem Kloster zurückgeholt, um ihre Rivalin zu schwächen, wäre Wu als Nonne alt geworden. Kein Masterplan.
Was ich entdeckt habe, sind Vorgänge und Strukturen. Eine Frau, die hinter die Kulissen blickt. Eine Buchführung, in der Zahlen fehlen. Ein Vorhang als Alibi. Ein Kasten mit vier Schlitzen, eine Anzeige und ein hartes Urteil nach vier Tagen.
Die Chronisten beschreiben eine Palastintrige mit Morden. Ich sehe eine Verwaltungsgeschichte mit Kollateralschäden
Was in beiden Fassungen gleich bleibt: es wird gestorben.
Was sich unterscheidet: wer die Toten zu verantworten hat.
Das ist meine Entscheidung und meine Annäherung an diese machtvolle Frau.
Zum Nachschlagen und Vertiefen
Primärquellen
Jiu Tangshu (Altes Buch der Tang), 945, und Xin Tangshu (Neues Buch der Tang), 1060.
Sima Guang: Zizhi Tongjian (Spiegel der Herrschaft), 1084.
Moderne Werke
Rothschild, N. Harry: Wu Zhao. China’s Only Female Emperor (2008).
Guisso, R. W. L.: Wu Tse-T’ien and the Politics of Legitimation in T’ang China (1978).
Lewis, Mark Edward: China’s Cosmopolitan Empire. The Tang Dynasty (2009).
Dies ist das siebte Porträt aus meiner Reihe Frauen der Macht.
Parallel zu diesem literarischen Porträt erscheint bei Stabenwelt der historische Kontext in Fundamente der Macht.
Zwei Perspektiven. Ein Thema.
Ich schreibe die Frau, er die Epoche.
Stereo.
Keine Dopplung.
Dagmar Wienböker – Autorin
Macht riecht, bevor sie spricht. Dreißig Jahre lang habe ich das gelernt. Heute schreibe ich Essays, Miniaturen und die literarische Porträtserie Frauen der Macht.

