Holundersekt – Hausgeist mit Blubb
Der Holunder steht an der Nordostecke des Hauses. Seit vierzehn Jahren.

Dort soll er sein, eine Tradition, die kein Mensch mehr erklärt, aber alle einhalten. Böse Geister scheucht er weg. Ich kann das nicht beweisen. Aber er steht noch. Die Geister auch nicht mehr.
2012 war er ein Strauch, der sich entschuldigt hat fürs Dasein. Heute überdacht er den Pfad zum Kompost, breitet sich aus, als hätte er immer gewusst, dass er bleibt. Jedes Jahr schneide ich ihn. Jedes Jahr ignoriert er das.
Anfang Juni hängen die Dolden schwer. Fünfundzwanzig brauche ich. Ich sammle an einem sonnigen Tag, wenn die Blüten duften und die kleinen Insekten noch nicht gemerkt haben, was ich vorhabe. Vorsichtig ausschütteln, die grünen Stängel kürzen, bis möglichst nur die weißen Schirmchen übrig sind.
In meinen 5-Liter-Suppentopf damit. Eine Biozitrone, aufgeschnitten. Fünfhundert Gramm Zucker in fünfhundert Milliliter warmem Wasser aufgelöst – so lange rühren, bis kein Kristall mehr knirscht. Fünfzig Milliliter Bio-Balsamico dazu. Die Lösung über die Dolden, dann 3,5 Liter Wasser. Deckel drauf. Kühles, dunkles Eck.
Jetzt kommt das Warten.
Achtundvierzig Stunden – so steht es im Rezept. Ich hatte ein Terminchaos. Vier Tage sind daraus geworden. Am vierten Tag: ein zarter Schimmelhauch auf den oberen Dolden. Den Schaumlöffel genommen, das Grobe abgeschöpft, die Flüssigkeit durch ein Baumwolltuch gefiltert. Sie war klar und roch nach Sommer.
Zwei große Einmachgläser mit Bügelverschluss. Vierzehn Tage, dunkel, kühl.
Dann der erste Moment: Ich halte das Glas in beide Hände und spüre den Druck, bevor ich aufmache. Das ist keine Metapher. Das ist Physik. Bügelverschluss ist kein Kann, sondern ein Muss, sonst fliegt einem die Chose um die Ohren.
Viele kleine Bläschen. Leicht perlig, halbtrocken, mit einer Essig-Spitze. Eiskalt, bitte. Unbedingt.
Wie viel Alkohol drin ist? Keine Ahnung. Ich habe vergessen, die Öchsle-Grade zu messen. Beim nächsten Mal, sage ich mir seit Jahren.
Der Holunder hat noch Blüten, für die Bienen.
Prost.
Dagmar Wienböker
Was im Garten wächst, landet irgendwann im Glas.
Und was im Glas landet, bekommt einen Text.





