Seriencover Frauen der Macht Porträt #7 Wu Zetian –himbeerrotes Titelbild mit weiblicher Silhouette und Sonnenhut

Zelia Nuttall – Die Amateurin

Die Gesichter aus gebranntem Ton sind kleiner als ihr Daumen.

Die Erde ist frisch aufgerissen und staubt mit jedem Schritt. Sie geht in die Hocke, den Rocksaum im Dreck, und streicht mit der flachen Hand über eine Furche. Ihre Finger ertasten etwas Hartes. Sie reibt es am Ärmel sauber.

Am Mittag beult sich die Rocktasche. Sie breitet ihr Taschentuch auf dem Boden aus und legt die Tonköpfe nebeneinander. Nimmt zwei wieder auf, vertauscht sie. Links die, die kaum ein Gesicht haben. In der Mitte die mit den Löchern an den Ohren. Rechts die mit den hohen Hauben, von denen keine der anderen gleicht.

Einen Kopf behält sie in der Hand, dreht ihn in die Sonne und betrachtet die geschlossenen Lider.

Hinter ihr spricht Mutter Spanisch mit dem Mann auf dem Ochsengespann. Er lacht und zeigt mit dem ganzen Arm über das gesamte Feld.

Die Hand ihrer Tochter stupst sie an und greift nach einem Kopf aus der Mitte. Sie löst ihn aus der kleinen Faust und legt ihn zurück an seinen Platz.

Das Buch

Aus dem Flur tönt es Französisch, die Zofe des Großvaters schimpft mit der Wäscherin, die nur Englisch versteht. Mutter sitzt an dem Bett, in dem Carmelita schläft, die kleine Schwester, und singt leise ein spanisches Lied. Zelia summt mit.

Das Buch ist zu schwer für sie. Der Einband riecht nach Staub. Mutter legt es auf den Teppich, schlägt den Deckel auf und blättert, bis eine Seite kommt, die breiter ist als Zelias Arme und so farbenfroh, als wäre es eben erst gemalt worden.

Menschen stehen dort mit spitzen Nasen, Männer haben nackte Beine, Frauen stehen mit Frisuren wie schwarze Hörnchen. Dazwischen blaue Punkte in Reihen. Zelia fährt mit dem Finger die Punkte entlang. Sie legt den Finger auf die roten Zacken über dem grauen Rauch.

»Chiles?«

Mutter liest, langsam, auf Spanisch. Dann noch einmal auf Englisch.

»Ein Mädchen von elf Jahren. Man bestraft es.«

»Mit Rauch?«

»Mit Chilirauch, das brennt, so wie in der Küche, nur stärker.«

»Was hat sie getan?«

»Keine Ahnung.«

Zelia zählt die blauen Punkte über dem Rauch. Elf.

»Die Eltern waren damals sehr streng«, sagt Mutter.

»Die Kinder mussten jeden Tag ganz früh arbeiten.«

Seite aus einer aztekischen Bilderhandschrift mit spanischen Notizen: Eine Mutter hält ihre weinende Tochter über den Rauch brennender roter Chilischoten. Daneben anderthalb Tortillas, die Tagesration des Kindes.
Erziehung mit Chilirauch. Eine Mutter straft ihre Tochter, darüber die Tagesration: anderthalb Tortillas. Codex Mendoza, fol. 60r, um 1541. Bodleian Library, Oxford, MS. Arch. Selden. A. 1

Zelia zeigt auf das Mädchen mit dem Besen.

»Und die?«

»Die fegt. In der Nacht.«

Der Finger rutscht eine Reihe tiefer, zu dem Mädchen mit der großen Schale.

»Mit dreizehn lernt sie Mais zu mahlen.«

Ganz unten kniet ein Mädchen vor einem gespannten Tuch mit roten Streifen. Mutter tippt darauf. »Mit vierzehn webt sie.«

Zelia zählt die Punkte. Vierzehn. Sie ist acht.

»Und du? Hast du auch gewebt?«

»Ich nicht. Aber deine Großmutter, in Mexiko …«

Mutter klappt das Buch zu. »Jetzt aber ins Bett.«

Mitgift

Die Lampe in der Kabine schaukelt mit dem Schiff. Der Wind weht warm. Ein Heft liegt auf dem Tisch, auf der Außenseite steht in Schreibschrift »Vocabulaire aléoute – Collection Alphonse Pinart«. Die Seiten sind eng beschrieben, mit Wörtern, die er in Hütten der Fischer aus Treibholz und Gras gesammelt hat.

»Schreib, was du hörst.« Alphonse spricht ein Wort. »Ulax.«

Er formt es mit runden Lippen, und das Wort endet weit hinten im Rachen mit einem unbekannten Laut. Zelia schreibt mit, so wie sie die Buchstaben erkennt. Er streicht ihre Zeile durch.

»Schreib nur den Klang.«

»Wie das x in México?«

»Etwas weiter hinten im Rachen.«

Er nimmt ihr den Stift aus der Hand, setzt einen Akzent über das letzte x und gibt ihr den Stift zurück. Sie spricht das Wort nach, leise, und spürt, wo hinten im Hals der Laut sitzt. Sie schreibt es noch einmal. Dann nickt er.

»Was bedeutet es?«

»Das Haus.«

Es ist spät, als er das Heft zuklappt.

Im April hält sie ihre Tochter im Arm. Sie ist so leicht und zart. Am elften Tag gießt ein Priester Wasser über die kleine Stirn. Sie schlägt sie in ihren Wollschal und trägt die kleine Roberta in einem fremden Land zu Grabe.

Im Dezember kommen sie nach San Francisco zurück, ihr Bauch wölbt sich schon unter dem Kleid. Ende Januar reist Alphonse ohne sie weiter nach Süden.

Ihre Sachen stehen wieder im Haus der Mutter. Wenn sie sich über den Schreibtisch beugt, drückt die Kante gegen ihren Bauch, und das Kind tritt zurück. Vor ihr liegen sein Brief aus Panama und ein Auszug der Bank. Alphonse schwärmt von einem Wörterbuch, das er kopieren lässt, und von Tongefäßen, die er für eine Sammlung in Paris gekauft hat. Auf der letzten Seite fragt er nach ihr, erwähnt die Schwangerschaft mit keinem Wort.

Die Bank listet alle Buchungen auf, der Saldo steht fast bei null. Ihr Erbteil und die Mitgift. Beides ist ausgegeben.

Sie legt den Brief in den Umschlag zurück und antwortet ihm einen Monat später, es gebe kein Geld mehr.

Ehrenhalber

Im Herbst knotet Zelia das Taschentuch auf, der Stoff ist braun vom Staub aus Teotihuacán. Sie legt die Köpfe in drei Reihen aus, wie auf dem Feld. Putnam, Kurator in Harvard, schiebt Papiere zur Seite und betrachtet die Sammlung.

»Andere Forscher sehen in diesen Gesichtern Afrikaner. Chinesen. Griechen.«

Sie legt ihm einen Kopf in die Hand. Ringe um die Augen, ein gebogenes Band über dem Mund.

»Das ist ein Gott. Tlaloc. So zeigen ihn die Handschriften.«

Sie schiebt ihm einen zweiten hin. Über der Stirn stehen die Haare in zwei Spitzen.

»Eine Frau. Sahagún beschreibt die Frisur. Das Haar mit schwarzem Faden umwickelt, zwei kleine Hörner über der Stirn.«

Putnam nimmt einen dritten, die Lider geschlossen. »Und der?«

»Der ist tot.«

Putnam sieht sie an. Dann greift er nach dem Bleistift.

»Mrs. Pinart, großartige Arbeit, ich möchte, dass Sie uns als Spezialassistentin für mexikanische Archäologie unterstützen. Leider kann ich zurzeit keine angemessene Entschädigung anbieten, aber meine Türen stehen Ihnen jederzeit offen.«

»Wir werden sehen. Mich interessiert die Aufgabe und ich heiße Nuttall. Nur Nuttall.«

Er streicht ›Pinart‹ auf seinem Blatt durch und schreibt ›Nuttall‹.

Provenienz

Florenz. Der Senator schenkt Wein nach und plaudert aus seiner Studienzeit. In der alten Bibliothek von San Marco hütete damals ein Mönch ein Buch aus Mexiko.

»Es war aus Leder«, sagt er. »Bemalt, auf beiden Seiten. Und hier und da ein paar Wörter auf Spanisch, als hätte jemand versucht, die Bilder zu erklären.«

Zelia stellt ihr Glas ab. »Wo ist es jetzt?«

»Verschwunden. Als die Klöster aufgelöst wurden, war es nicht mehr da.«

Ein Jahr lang sucht Zelia die Bilderhandschriften, die in Europa bekannt sind. In Wien liegt eine auf Hirschleder, mit Kommentaren in lateinischer Schrift, aber sie hat nur sechsundzwanzig Seiten. Zurück in Florenz zeigt sie ihm die Liste.

»Es ist keines davon.«

Der Senator erinnert sich an einen reichen Engländer in Florenz, der das Buch gekauft und wohl weiterverschenkt habe. Zelia schreibt Briefe und bekommt Antworten. Irgendwann hat sie den Namen Lord Zouche.

In London legt der Direktor des British Museum ihr das Buch auf den Tisch. Sie streift sich Baumwollhandschuhe über und faltet es Seite um Seite auseinander, bis es über die Tischkante hängt. Rote Linien laufen über das Leder, Fußabdrücke legen eine Spur, und ein Mann geht diesen Weg, über ihm stehen ein Hirschkopf und acht Punkte. Paare sitzen einander gegenüber, darunter ihre Kinder, eine Seite weiter wieder als Paare. Am Rand steht in brauner Tinte ein Wort auf Spanisch.

Sie legt die Hand flach neben das Leder und seufzt.

Bemalte Seite eines mixtekischen Bilderbuchs auf hellem Grund, durch rote Linien in Felder geteilt: Figuren mit Federschmuck und Opfergaben, ein Jaguar auf einem Hügel, ein Herrscher auf einem Thron, zwei Tempel und ein Hirschkopf über einer Reihe blauer Kreise.
Seite aus dem Codex Nuttall. Namen werden geschrieben wie der Tag der Geburt, als Tierkopf und Kreise. Faksimile, Peabody Museum, Cambridge 1902. Gemeinfrei.

Vier Jahre später liegt die Druckfahne vor ihr. Ihr Codex: gemalt von einem unbekannten Maler, wiedergefunden von ihr. Dann zwei Jahre lang abgepaust von einem Zeichner in London, Linie für Linie. Und bezahlt von einem Geschäftsmann aus Boston.

Das Haus des Eroberers

Mexiko. Das rote Tor ist schwer und quietscht in den Angeln. Hinter der Mauer liegt ein Hof mit Brunnen, die Steinplatten hat der Regen ausgewaschen. Der Verkäufer geht voraus und klopft mit dem Knöchel an die Wand.

»Hier hat Pedro de Alvarado gewohnt. Der Hauptmann des Cortés.«

Zelia legt die Hand auf den Stein. Er ist kühl, im Mörtel stecken Scherben, Stücke aus rot bemaltem Ton.

»Haben Sie Papiere darüber?«

»Schauen Sie doch auf die Mauern, Señora.«

Sie fragt nicht weiter. Noch in derselben Woche unterschreibt sie den Vertrag und zahlt mit dem geliehenen Geld von Phoebe Hearst.

Morgens nach dem Frühstück geht sie in den Garten und kratzt Erde aus den Beeten. Sie hält eine Scherbe gegen das Licht und steckt sie ein. Die Kapuzinerkresse wuchert über den Balkon.

Immer sonntags kommen die Gäste, Minister und Diplomaten, ein Journalist aus New York. Sie stellt einen Professor neben eine Malerin und geht weiter, bevor die beiden wissen, warum.

Sie reist wieder kreuz und quer durch Mexiko.

In einem Dorf im Hochland faltet ein Mann ein Buch aus vierzehn Seiten Hirschleder auseinander und nennt einen Preis. Sie zuckt kurz und leert die Geldbörse. Sie wird wohl andere Dinge verkaufen müssen. Zurück in der Casa schlägt sie die Schrift in Wachstuch ein und legt es in eine Kiste unter Bücher. An Putnam schreibt sie, es müsse ihr gemeinsames Geheimnis bleiben.

Irgendwann spannen zwei Männer eine Schnur quer durch den Garten. Der östliche Garten gehört ab dem Frühjahr Fremden. Mit dem Geld gleicht sie ihr Konto aus. Für eine Weile.

Unter Aufsicht

Veracruz. Der Bootsmann zeigt mit dem Kinn auf den Strand. Das Meer hat ein Stück Mauer freigespült. Zelia klettert über den Strand und streicht mit dem Handschuh darüber, Sand rieselt aus den Fugen.

Am nächsten Morgen kommt sie mit zwei Arbeitern zurück. Sie lässt sie die Verkleidung Stück für Stück abnehmen. Darunter verbergen sich rote Linien, dünn und in Reihen, wie Zeichen. Sie zieht den Handschuh aus und fährt mit dem Finger eine Linie entlang, ohne sie zu berühren. Sie denkt an den Bericht über die Opferstätten.

Zelia Nuttall auf der Isla de Sacrificios, 1910. KI-Bild nach einem Porträt aus der Bancroft Library. Ein Foto von ihr bei der Arbeit ist mir nicht bekannt.

In Mexiko-Stadt breitet sie vor dem Inspektor ein Stück bemalten Putz auf ihrem Taschentuch aus. Zelia bittet um eine Genehmigung und fünfhundert Pesos. Der Inspektor notiert, ohne aufzusehen.

Zurück in Veracruz wartet sie und bezahlt Rechnungen für Zelte, Werkzeuge und Fotoplatten, bis es über zweihundert Pesos sind. Nach drei Wochen klopft ein junger Mann in hellem Anzug an die Tür und hält ihr ein Schreiben hin.

»Salvador Batres. Mein Vater schickt mich mit den Anweisungen zur Grabung.«

Sie liest. Zweihundert Pesos. Nur ein winziger Teil der Insel ist freigegeben, und dieser Aufpasser.

»Ich brauche keine Aufsicht.«

»Eine Dame allein auf einer Insel, Señora Pinart …«

»… Nuttall.«

Er faltet das Schreiben wieder zusammen.

»Ohne Aufsicht wird dort nicht gegraben.«

Sie nimmt den Stapel Rechnungen in die Hand und steht auf.

»Dann graben Sie ohne mich.«

Sie lässt sich ein letztes Mal zur Insel rudern. Der Nordsturm hat Sand gegen die Mauer geworfen, von den roten Linien sind Reste geblieben. Auf dem Rückweg läuft ihr das Wasser in die Schuhe, der Saum ihres Kleids saugt sich voll. Zelia dreht sich nicht um.

Im Mai liest sie in der Zeitung, Leopoldo Batres sei selbst auf die Insel gefahren und habe die Ruinen entdeckt. Sie legt die Zeitung beiseite, zieht einen Bogen Papier heran und schreibt ihren Bericht über die Isla de Sacrificios, für ein amerikanisches Fachblatt, und einiges über die Arbeit von Batres.

Im Herbst schließt sie das rote Tor in Coyoacán ab. Der Krieg in Mexiko rückt näher.

Im Winter schickt ihr ein Kollege eine gedruckte Streitschrift über zehn Seiten. Auf dem Umschlag steht: Señora Zelia Nuttall de Pinard und Leopoldo Batres. Auf Seite drei schreibt Batres, sie sei ihm stets ein Gegenstand der Verehrung und des Respekts gewesen. Ein paar Seiten weiter steht, sie sei nicht fähig gewesen, ein ruhiges und vernünftiges Gespräch mit ihm zu führen. Histerismo femenino.

Sie wirft das Heft auf den Tisch. Sie antwortet per Zeitung. Dreimal.

Ein halbes Jahr später erfährt sie, dass Batres sein Amt verloren hat. Aus politischen Gründen.

Wirtel

San Francisco. Der Vortrag ist vorbei, die Stühle sind leer. Zelia schiebt ihre Blätter zusammen. Der Saal riecht nach Bohnerwachs. Vor ihr auf dem Samt liegen die Spinnwirtel in Reihen, dreihundertneunundachtzig Scheiben aus gebranntem Ton, jede in der Mitte durchbohrt, jede mit einem anderen Muster. Auf einer springt ein Affe.

Sie hört Schritte auf dem Parkett, Phoebe Hearst tritt zu ihr.

Zelia schiebt den Papierstapel zur Seite und nimmt einen Wirtel aus der Reihe, steckt einen Bleistift durch das Loch und lässt ihn auf der Tischplatte kreiseln. Das Muster verschwimmt zu einem Ring.

»Damit haben die Frauen gesponnen.«

Hearst sieht zu, bis der Wirtel taumelt und liegen bleibt.

»Was kostet die ganze Sammlung?«

Zelia nennt den Betrag, ohne nachzudenken.

»Sie gehört nach Berkeley.«

»Dann kaufe ich sie für Berkeley.«

Ohne Schatten

Das rote Tor quietscht noch immer. In sieben Jahren hat die Kapuzinerkresse den Balkon überwuchert und hängt bis auf die Steinplatten herunter. Zelia zieht die Handschuhe aus und reißt eine Ranke ab.

Die Gäste kommen wieder. Ein Engländer mit einem roten Bart sitzt auf der Sesselkante und lässt seinen Tee kalt werden und fragt und hört zu. Zelia erzählt und reicht ihm eine Scherbe. Er dreht sie nicht um, er sieht ihr ins Gesicht.

Drei Jahre später schickt ihr ein Freund den Roman des Engländers. Im zweiten Kapitel geht es um eine alte Archäologin, in schwarzer Seide, ein Tuch aus Kaschmir mit Seidenfransen um die Schultern, wie eine Konquistadorin. Zelia sieht an sich hinunter, auf das Schwarz und die Fransen, und lächelt.

Junge Männer sind zum Tee zu Gast. Sie kommen mit Diplomen von den Universitäten und fragen sie nach Adressen und Archiven. Ihr Diener mit den weißen, löchrigen Handschuhen schenkt ihnen nach.

Sie feiert den Tag der senkrechten Sonne, wie die Alten.

Mitte Mai zur Mittagszeit tritt sie in den Garten. Die Steinplatten sind heiß, sie spürt die Wärme durch die Sohlen. Sie stellt den Stock senkrecht neben den Fuß und wartet. Der Schatten des Stocks wird kürzer, kaum nagelgroß. Sie schaut an sich hinunter, auf den schwarzen Saum, auf die Platten. Da liegt nichts mehr. Sie bleibt stehen, bis an ihrer Fußspitze ein schmaler Strich nach Osten wächst.

Muster der Ermächtigung

Zelia Nuttall stirbt mit fünfundsiebzig in der Casa Alvarado in Mexiko.

Bei ihr beginnt es mit kindlicher Neugier, die zur Leidenschaft wird. Sie beobachtet, sortiert und versucht zu verstehen, dann zu deuten. Sie bringt sich selbst Nahuatl bei. Sie glaubt nicht alles, was sie liest. Sie geht unvoreingenommen an die Sache. Ein richtiges Gehalt bekommt sie nie.

Vielleicht macht gerade das sie frei. Wer nicht bezahlt, kann nichts vorschreiben. So liest sie, wo sie will, schreibt, was sie gefunden hat, und widerspricht Männern mit Lehrstühlen. Und ihr Garten wird zu einem Salon, einem Ort des Austauschs.

Gestoppt wird sie nur von der Bürokratie, auf der Isla de Sacrificios entscheidet ein Mann mit Amt und Ego. Aber auch das Kapern ihrer Entdeckung lässt sie nicht stehen. Sie weiß sich akademisch zu wehren, ohne je studiert zu haben.

Das Geld ist ein Leben lang knapp, erst sind Mitgift und Erbteil weg und dann hangelt sie sich von Projekt zu Projekt. Findet Menschen, Gönner und Unterstützer. Immer wieder. Der Mangel hat keine Macht über sie. Und manchmal verkauft sie eben den halben Garten.

Ihr Blick für Herkunft ist auch der Blick der Sammlerin. Sie verteidigt die Nachfahren der Azteken gegen das Bild der blutrünstigen Wilden und schmuggelt gleichzeitig ganz kolonial eine Bilderhandschrift außer Landes.

Woher kommt dieser Kopf, wem gehört dieses Buch, wer hat es gemalt und wer hat es verkauft, das fragt sie bei allen Dingen, die ihr in die Hände fallen.

Ob sie die Frage je an die eigene Familie gestellt hat, bleibt offen.

Mutterlinien

Zelias eigene Herkunft ist mütterlicherseits eng mit Mexiko verwoben. Ihr Großvater John Parrott, eine Carmen Barrera und deren Tochter Magdalena unterschreiben irgendwo in Mexiko ein Schriftstück, und Parrott nimmt seine uneheliche Tochter mit nach San Francisco. Sie heiratet einen irischen Arzt, eine ihrer Töchter ist Zelia.

Dreihundert Jahre früher lebt Malintzin mit Cortés in Coyoacán. Sie bekommt einen Sohn, Martín. Als er noch ein Kind ist, nimmt der Vater ihn mit nach Spanien und lässt ihn über einen Anwalt vom Papst legitimieren. Zwei Kinder zweier Welten.

Als Kind sieht Zelia im Buch der Mutter die Mädchen aus dem alten Mexiko. Später kauft sie ein Haus in Coyoacán, dort, wo Cortés und Malintzin gelebt haben. Sie schreibt, das Volk der Azteken lebe weiter in tausenden Menschen, die noch seine Sprache sprechen.

Mir gefällt die Vorstellung, dass Zelia auf Malintzin zurückgeht. Kein Beleg – nur ein schöner Gedanke.

Was bleibt

Der Codex liegt heute im British Museum in London. Er heißt Zouche-Nuttall. Gemalt hat ihn ein Mixteke.

Die Spinnwirtel liegen in Berkeley. Daneben ein Korb, in den eine Flechterin ihren Namen eingearbeitet hat: Maria Marta Zaputimeu. Zelia hat ihn in einem Antiquitätenladen in Mexiko-Stadt gefunden, als Geschenk für Phoebe Hearst.

Nach ihrem Tod ziehen neue Mieter in die Casa Alvarado. Im Keller stehen Kisten mit all ihren Papieren. Sie verbrennen sie und vier Jahre später wird ihre Bibliothek versteigert.

Das Haus gehört heute dem Staat.

Jedes Jahr im Mai kündigen die Zeitungen in Mexiko den Tag ohne Schatten an. Kinder stellen einen Stock in die Mittagssonne und warten, bis sein Schatten verschwindet.

Exkurs: Die Amateurin

Amateur kommt vom Lateinischen: amator, der Liebende. Ein Amateur tut, was er tut, aus Liebe zur Sache.

Als Zelia Nuttall anfängt, hat kaum einer der Männer um sie ein Diplom als Archäologe. Jahrzehnte später wird der Begriff Amateur zum Urteil. Zu Lebzeiten nannte man sie Antiquarin, Folkloristin, oder „lady scientist“.

Hinweis zur Rekonstruktion

Die Stationen sind belegt, die Szenen sind gebaut. Erfunden sind die Gespräche, das Heft mit der Aufschrift, der Brief aus Panama, die Bankauszüge und die Rechnungen. Das Sortieren auf dem Feld verdichtet, was sie in Monaten am Schreibtisch tat.

Zum Nachschlagen und Vertiefen

Primärquellen

Zelia Nuttall: The Terracotta Heads of Teotihuacan. American Journal of Archaeology 2 (1886).
Zelia Nuttall (Hg.): Codex Nuttall. Facsimile of an Ancient Mexican Codex Belonging to Lord Zouche of Harynworth. Peabody Museum, Cambridge (1902).
Zelia Nuttall: The Island of Sacrificios. American Anthropologist 12 (1910).
Leopoldo Batres: La Isla de Sacrificios. La Señora Zelia Nuttall de Pinard y Leopoldo Batres. México (1910).
D. H. Lawrence: The Plumed Serpent (1926).

Sekundärquellen

Merilee Grindle: In the Shadow of Quetzalcoatl. Zelia Nuttall and the Search for Mexico’s Ancient Civilizations. Belknap Press of Harvard University Press (2023).
Dagmar Wienböker: Malintzin – die Vielsprachige. Frauen der Macht #5 (Mai 2026).


Dies ist das achte Porträt aus meiner Reihe Frauen der Macht.

Parallel zu diesem literarischen Porträt erscheint bei Stabenwelt der historische Kontext in Fundamente der Macht.

Zwei Perspektiven. Ein Thema. 
Ich schreibe die Frau, er die Epoche. 
Stereo. 
Keine Dopplung.

Dagmar Wienböker – Autorin

Macht riecht, bevor sie spricht. Dreißig Jahre lang habe ich das gelernt. Heute schreibe ich Essays, Miniaturen und die literarische Porträtserie Frauen der Macht.

Dagmar im Garten – Zeichnung

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