Seriencover Frauen der Macht: himbeerroter Hintergrund mit helle Silhouette der Autorin im Profil nach rechts, kinnlanges Haar, darunter der Schriftzug Frauen der Macht und kursiv Wie alles begann.

Wer schreibt, hat Macht. Auch ich.

Wie diese Serie entstand, und was auf meiner Liste fehlt

Es ist Anfang September 2025. Ich scrolle auf Substack und lese einen Text von jemandem, den ich nicht kenne, er nennt sich Stabenwelt und ich kommentiere mit einem Satz, der mich nichts kostet: Wow, ich hätte gerne bei Dir Geschichtsunterricht gehabt.

Er antwortet am selben Tag. Es sei das tollste Kompliment, das er je bekommen habe. Dann der Satz, der hängen bleibt: Man brauche Lehrer, die für ihr Fach brennen, und die es so vermitteln, dass es ein Abenteuer bleibt.

Ich schreibe zurück: Ja, man sollte brennen, ohne zu verbrennen. Und dann, noch ohne Hintergedanken, frage ich, ob er uns nicht von der Antike in die Neuzeit führen will.

Der Schalter

Es ist der dreizehnte September. Stabenwelt veröffentlicht zwei Texte über Gertrude Bell und die Erfindung des Irak. Eine Engländerin, die mehr Sprachen beherrschte als jeder Mann um sie herum, und ich frage in den Kommentaren nach genau diesen Sprachen, weil mich das nicht loslässt.

Am selben Tag, in einem anderen Thread: Ich überlege mal, welche Epoche ich mir von ihm wünsche. Er antwortet: Sehr gern. Nur die beiden Weltkriege möge ich bitte aussparen, davon habe er in der Schulzeit genug gehabt.

Nicht nur nette Frauen

Sonntag, 14. September, 12:42. Einen Tag nach seinem Ja sitze ich vor ChatGPT und tippe:

»Nenne mir aus den letzten 5.000 Jahren zwanzig wichtige, historisch bedeutende Frauengestalten.«

Diese kommen sekundenschnell zurück:

  • Hatschepsut
  • Nofretete
  • Sappho
  • Kleopatra
  • Boudīkā
  • Maria
  • Theodora
  • Hildegard
  • Marie Curie
  • Frida Kahlo
  • Rosa Parks.

Eine ordentliche Liste. Und zu brav.

Ich fasse nach: Das Mittelalter ist echt dünn. Und wie wäre es noch mit ein paar Politikerinnen? Es dürfen nicht nur nette Frauen dabei sein. Auch ein paar böse.

Jetzt erst kommen Livia Drusilla, Intrigantin mit Ruf als Strippenzieherin. Wu Zetian, skrupellos. Isabella von Frankreich, die She-Wolf, die ihren Mann stürzte. Katharina de‘ Medici, Bartholomäusnacht.

Und bei Maria hake ich ein: Sie selbst hat ja nichts gemacht. Sie wurde instrumentalisiert.

So wächst meine Liste auf fünfzig. Fünf Jahrtausende, zehn pro Epoche. Irgendwann an diesem Nachmittag zähle ich nach, wie viele davon ich vorher kannte. Es waren unter zwanzig.

Zwei Listen

Drei Wochen später starte ich mit Stabenwelt das Co-Projekt auf Substack: Frauen der Macht und Fundamente der Macht. Wir gleichen unsere Listen ab. Er hält fünfzig für hoch gegriffen und schlägt vor, mit der Hälfte anzufangen, und zwar quer durch die Jahrtausende, so wie ich es im Kopf hatte. Wenn es trägt, kommt die andere Hälfte später.

Auf seiner stehen die Namen, die mir gefehlt haben: Nzinga von Ndongo, Lady Xoc, Zelia Nuttall, Mary Anning, Leni Riefenstahl. Ambivalente, wie er schreibt. Und Margaret Thatcher.

Der Nachdenkrahmen

Beim Hirnen bildete sich ein Schema in meinem Kopf. Sieben Punkte: familiäre Prägung, Bildung und Entwicklung, Lebenswege und Brüche, Beziehungsmuster, Macht und Einfluss, Zeitkontext und die Frage, was bleibt.

Ich habe es Muster der Ermächtigung genannt, als Werkzeug, damit sich verbindende Linien zwischen den Frauen zeigen.

Es ist am Ende in jedem Porträt gelandet, als vorletztes Kapitel.

Meine eigene Schublade

Frauen der Macht passte nicht in die Zeitinsel. Dort schreibe ich über Reflexion, Natur und in Haikus. Hier Macht und Machtlosigkeit und Verrat und Verstrickungen, und beides im selben Newsletter … da sagt mein Ordnungssinn einfach nein.

Also eine separate Publikation. Mein Marketing-Ich wacht auf. Ich brauche eine grafische Identität für die Frauen der Macht. Die muss mobil funktionieren und ins Auge stechen. Ich öffne den Chat.

Also Antik auf keinen Fall, schreibe ich, ich bin vielleicht so bei einem Renaissance-Bild, im Botticelli-Style, ein bisschen hoch Botticelli, aber jetzt nicht gleich den Frühling nachbauen.

Was zurückkommt, ist eine Gemme: oval, Goldrelief auf Weinrot, Locken, ein drapiertes Gewand über der Schulter. Schön, und falsch.

Ovale Kamee in Gold auf dunklem Weinrot: Profilbüste einer antiken Römerin nach rechts, aufgestecktes Lockenhaar mit Stirnband, drapiertes Gewand über der Schulter, Perlrand um das Oval.
Mein erster Versuch assisted by Dall’E

Also sage ich es so, wie ich es einem Grafiker sagen würde, der neben mir sitzt … der Farbton ist noch zu sehr weinrot, da muss ein bisschen mehr Blau rein, und es sollte mehr Gesicht sein und weniger Schulter. Dann der Satz, den ich früher oft gebraucht habe: Bitte legt nicht sofort mit der Bildgestaltung los, sondern diskutiert nochmal mit mir.

Die Maschine wird nicht ungeduldig, wenn ich das vierte Mal dasselbe anders sage, sie rechnet keine Korrekturschleife ab und sie schmollt nicht, wenn ich einen fertigen Entwurf verwerfe.

Also schicke ich das Bild aus dem Podcast HerStory von Jasmin Lörchner mit, sechs Frauen im Profil, petrol und beige, flach und ruhig, und schreibe … an diesem Style orientieren, aber oval und in rot und jede Frau alleine für sich. Das Oval fällt zwei Runden später auch noch weg, dann kommen sechs Varianten auf einmal.

Signet der Serie Frauen der Macht: helle weibliche Silhouette im Profil auf himbeerrotem Grund.
Und das ist sie geworden.

In meiner Managementzeit war Rot mein Akzent, wenn ich wusste, dass es drauf ankommt. Die Handtasche, der Pulli. Manchmal die Nägel.

Die Rechnung

Fünfundzwanzig Namen stehen auf der Liste. Jeden Monat eine. So der Plan. Diese Pace halten wir auf Dauer nicht durch. Sieben Porträts sind geschrieben. Wir werden Gas rausnehmen und alle zwei Monate eine Frau in ihrer Zeit zum Leben bringen.

Ich bin Jahrgang 1965, ab 2027 zweiundsechzig. Die Sterbetafel gibt einer Zweiundsechzigjährigen so vierundzwanzig Jahre Restlaufzeit. Das macht theoretisch einhundertvierundvierzig Porträts, plus die aus diesem Jahr.

Für eine Aussage darüber, was Frauenmacht ausmacht, wäre das eine gute Grundgesamtheit.

Aber der Bias grüßt. Die Frauen auf meiner Liste haben etwas gemeinsam: über sie wurde geschrieben.

Tacitus über Boudīkā, die spanischen Chronisten über Malintzin – immer Männer, oft Jahrzehnte nach ihrem Tod, immer mit einem Interesse an dem Bild, das bleiben sollte.

Wer schreibt, hat Macht. Das steht in meinem zweiten Porträt.

Es gilt auch für meine Liste und meine Deutung.

Siebzehn fehlen. Ende Oktober geht es weiter mit Zelia Nuttall.


Parallel zum allen literarischen Porträts erscheint bei Stabenwelt der historische Kontext in Fundamente der Macht.

Zwei Perspektiven. Ein Thema. 
Ich schreibe die Frau, er die Epoche. 
Stereo. 
Keine Dopplung.

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