Löwenzahnsirup selber machen
Goldener Eigensinn aus der Wiese
Mai. Die Wiese riecht nach warmem Gras und Vorabend-Regen. Ich stehe mit einem Sieb in der Hand und frage mich, ob ich das wirklich tue.
Ich tue es.
Löwenzahn. Der, den jeder Gärtner kennt und keiner liebt. Tiefer Pfahlwurzel, goldene Krone, komplette Ignoranz gegenüber menschlichen Plänen. Wo der Rasenmäher war, ist er eine Woche später wieder. Wer die Wurzel nicht erwischt, fängt von vorne an. Ich habe aufgehört, ihn zu erwischen.
Gesammelt werden nur die Blüten – im Mai, wenn sie weit geöffnet sind, am besten mittags, wenn die Sonne sie aufgestellt hat. Nicht pflücken, sammeln. Nicht waschen – ausschütteln. Die kleinen Insekten sollen selbst entscheiden, ob sie bleiben oder gehen.
Ein Sieb voll goldener Blüten. Eine Biozitrone in Scheiben. Zwei Liter Wasser.
Das ist alles.
Ich koche alles kurz auf, lasse es zehn Minuten simmern. Dann Deckel drauf, über Nacht stehen lassen. Am nächsten Morgen durch ein Mulltuch abseihen – langsam, ohne Drücken. Die Flüssigkeit wiegen. Im Verhältnis 1:1 mit Zucker einkochen, bis der Sirup läuft.
Hier muss ich etwas gestehen: Ich habe Rezepte gelesen, in denen jede einzelne Blüte gezupft werden soll – nur die gelben Blütenblätter, ohne das Grüne. Ich habe es einmal versucht. Zwanzig Minuten für eine Handvoll Blüten, während draußen die Bienen ungeduldig wurden. Ich habe aufgehört. Nicht wegen der Geduld. Weil die Bitterstoffe im Grünen sitzen – und weil dieser Sirup ohne Bitterkeit nur süß wäre. Süß kann jeder.
Der fertige Sirup ist golden, leicht trüb, mit einem Geschmack, der schwer zu beschreiben ist. Blumig. Ein bisschen harzig. Die feine Bitterkeit kommt nach.
Er passt zu stillem Wasser. Als Schimmer in Prosecco. Über Vanilleeis, wenn man mutig ist.
Was bleibt
Ein Glas, das nach draußen riecht. Nach Mai. Nach dem Entschluss, das Unkraut nicht auszureißen, sondern einzukochen.
Dr. Klang:
«Goldener Eigensinn im Glas. Die Wurzel hat gewonnen.»
Dagmar Wienböker
Was im Garten wächst, landet irgendwann im Glas.
Und was im Glas landet, bekommt einen Text.

